#21 What is enlightenment?

(This text is only available in German) A plea for enlightenment without unjustified attribution of guilt

Enlightenment is humanity’s emergence from its state of ignorance, through no fault of its own, and from the suffering that results from it. Ignorance is the natural state of humanity. This state is not of humanity’s own making because every person is born ignorant and without free will into a world that is not inherently benevolent. Ignorance leads to suffering because the causes of suffering and/or ways to alleviate it are unknown.

Im Prozess der Aufklärung sind wir Menschen durch ‚kreativ-kritisches Denken‘ daran immer bessere Erklärungen und Lösungswege zu entdecken, um uns aus der Unwissenheit und dem Leid zu befreien.

Habe das Verständnis und die Nachsicht, dass kein Mensch besser sein kann als er ist. Habe aber auch den begründeten Glauben an jeden Menschen und die gesamte Menschheit, besser zu werden, als wir sind. Und habe dazu die Offenheit und den Mut, Kritik als Geschenk zu empfangen und selbst Kritik zu schenken, um gemeinsam eine bessere Welt zu schaffen.

‚Miteinander statt gegeneinander’ könnte deshalb ein Wahlspruch sein für eine realistischere, nicht anschuldigende Aufklärung im 21.Jahrhundert.

Aufklärung, vom Gegeneinander zum Miteinander

“Sapere Aude! Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!1” schrieb Immanuel Kant 1784 in seinem berühmten Text „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung”. Ich liebe diesen Aufruf, denn er weist auf einen Kernaspekt aufklärerischen Denkens hin, der Überzeugung, dass jeder von uns keiner Autorität und keiner Theorie blind vertrauen sollte, sondern selbst versucht alles kritisch zu hinterfragen und zu verstehen2. So betrachte ich denn Aufklärung auch nicht als eine Zeitepoche, sondern als eine Art zu denken und zu handeln. Eine Kombination aus ‚kreativem und kritischem Denken3‘ mit dem Ziel die Welt immer besser zu verstehen, um in der Lage zu sein, lebensfreundlichere Zustände für uns Menschen und andere empfindsame Wesen zu realisieren4. Es ist die zugleich bescheidene, wie auch hoffnungsvolle Erkenntnis, dass wir erst einige Tropfen kennen, wir selbst diese hin und wieder kritisch hinterfragen sollten und ein Ozean der Erkenntnisse und Möglichkeiten noch auf uns wartet4. Dies erhöht unser gegenseitiges Verständnis, dass niemand von uns alles wissen kann und Irrtümer menschlich sind. Kritik empfinden wir deshalb immer öfters als ein Geschenk5, da wir nur durch sie unsere falschen, leidbringenden Überzeugungen entdecken können. Eine Vielfalt an Meinungen erachten wir als bereichernd, da wir nur voneinander lernen können, weil wir verschieden sind6 und uns unsere Vielfalt stark macht, wenn wir zusammenarbeiten. Mit diesem Denken können wir deshalb gemeinsam auf dem Forschungsschiff in Richtung Erkenntnis segeln, indem wir falsche Ideen über Bord werfen, ohne dass Menschen für falsche Ideen über Bord geworfen werden. So führt uns die Aufklärung weg vom Gegeneinander, hin zum Miteinander. Einer gemeinsamen, lebenslangen Forschungsreise immer mehr Tropfen des Ozeans des Wissens und des Wohls frei zu legen. Wir erkennen, dass wir alle auf der Suche sind, dass diese Suche zu unserem Mensch-Sein dazu gehört und wir in unserem Mensch-Sein Eins sind. Wir alle sind Leben, das leben möchte, inmitten von Leben, das leben möchte7. Unsere Bezugsgruppe erweitert sich, bis wir mehrheitlich nur noch die Menschheit als unsere Familie und alle anderen empfindsamen Wesen als unsere nahen und fernen Verwandten betrachten. Damit ist die Voraussetzung gegeben, dass wir nicht nur unsere Nächsten, sondern auch unsere Fernsten lieben können8, wenn wir Liebe als das unbedingte Interesse an der Entfaltung des andern verstehen9. In diesem Sinne ist die Aufklärung nicht nur der Weg aus der Dunkelheit der Unwissenheit und des Leides, ins Licht des Wissens und des Wohls, es ist auch der Weg aus der Dunkelheit des Gegeneinanders, ins Licht des Miteinanders.

Und da uns meiner Ansicht nach besonders zwei weitverbreite, falsche Überzeugungen für ein aufklärerisches Miteinander im Weg stehen, möchte ich auf diese hier eingehen. Es ist erstens die Ansicht, dass wir Menschen besser sein könnten, als wir sind und zweitens, dass die Natur mehrheitlich gut sei und wir Menschen negativ in diesen harmonischen Naturzustand eingreifen würden.

Unschuldig zum Ersten: Die Illusion des freien Willens

Immanuel Kant eröffnete seinen Text mit dem Satz; „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit.1“ Unmündigkeit sei das Unvermögen sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen und selbstverschuldet sei diese, weil der Person der Mut und der Entschluss fehle von seinem Verstand Gebrauch zu machen. An dieser Stelle beging Kant meines Erachtens einen Fehler10, welcher bis heute von vielen Menschen begangen wird. Es ist die Ansicht, dass wir Mensch einen   ‘freien Willen’11 hätten und wir uns selbst frei entscheiden könnten, ob wir faul, mutig, oder sonst eine Fähigkeit haben oder eben nicht haben. Diese Überzeugung führt meiner Meinung nach zu unbegründeten Schuldzuweisungen, zu Unverständnis und oft sogar zu Hass und Gewalt12. Erfreulicherweise ist sie meines Erachtens aber falsch und wir können sie überwinden und finden auf der anderen Seite nicht nur eher die Wahrheit, sondern auch mehr Verständnis und Nachsicht für unsere Mitmenschen und uns selbst13. Diese Einschätzung teilen nicht alle Menschen mit mir und sehen in der Abkehr von der Idee der Willensfreiheit sogar Gefahren14, oder empfinden dies als psychisch destabilisierend15. Falls insbesondere zweiteres auch auf dich zutreffen könnte, empfehle ich dir nicht weiterzulesen. Ich persönlich möchte einfach primär versuchen die Welt meinen Möglichkeiten entsprechend, so gut wie möglich zu verstehen und frage mich dann erst sekundär, was dies nun für mich bedeutet. Nur weil mir etwas nicht gefallen könnte, möchte ich mich nicht davor schützen. Ich denke dieses Vorgehen ist auch im Sinne der Aufklärung16. Ich persönlich empfinde es auch nicht so, dass die Abkehr vom freien Willen zu Fatalismus oder einem unethischen Leben führt, eher das Gegenteil erscheint mir der Fall zu sein und folgende Personen, welche auch nicht an einen freien Willen glauben oder glaubten, dienen mir dazu als lebende/gelebte Beweise:  Albert Einstein, Michael Schmidt-Salomon, Sam Harris.17

Der Glaube an einen freien Willen umfasst nach meinem Verständnis die Überzeugung, dass jeder von uns zu jedem beliebigen Zeitpunkt anders denken oder handeln könnte, als man dies tut oder getan hat. Das dem nicht so ist, kann man meiner Meinung nach sowohl experimentell erfahren, als auch logisch begründen.

Das Erfahrungsexperiment geht wie folgt und du kannst es gerne gleich selbst ausprobieren: Schliesse dazu deine Augen und versuch dich einzig und allein auf deinen Atem zu konzentrieren. Spüre z.B. den Luftzug an deiner Nase oder das Heben und Senken deines Bauches. Mach dies für 5-10 Minuten und schau was passiert.

Wahrscheinlich wirst du erkennen, dass du schon nach kurzer Zeit von irgendwelchen Gedanken abgelenkt wirst. Du konzentrierst dich nicht mehr auf deinen Atem, ein Gedanke hat dich entführt, obwohl du ein anderes, ziemlich einfaches Ziel hattest, dich ausschliesslich auf deinen Atem zu konzentrieren. Versuche dieses Experiment hunderte, besser tausende Male und du wirst wahrscheinlich immer wieder aufs Neue feststellen, dass du keine Kontrolle über deine Gedanken hast. Sobald du erkennst, dass du wieder von einem Gedanken entführt wurdest, nimm dies gelassen zur Kenntnis und versuche dich wieder auf deinen Atem zu konzentrieren. Mit diesem Experiment kannst du erkennen, dass deine Gedanken kommen und gehen und jener Teil, den du als dein ‚ich‘ empfindest, keine Kontrolle darüber hat, welche Gedanken als nächstes auftauchen. Diese Methode und einige mehr18 können dir auch dabei helfen zu erkennen, dass dein ‚ich-Gefühl‘ selbst nur ein Gedanke ist. Und wenn du erkennst, dass das, was du als ‚ich‘ empfindest keine Kontrolle darüber hat, welcher Gedanke als nächstes auftaucht, bzw. selbst ein Gedanke ist, macht es meiner Meinung nach wenig Sinn der Überzeugung zu folgen, dass ‚man‘ die Kontrolle über seine Gedanken oder Handlungen hat. Wenn man sich genau beobachtet, kann man meines Erachtens erkennen, dass der vermeintlich empfundene freie Wille eine Illusion war und gar nicht empfunden wird.

Ich finde aber auch kein logisches Argument, welches für einen freien Willen spricht. Ein solcher freier Wille würde „einen Riss im universalen Kausalgefüge der Welt verlangen. Denn für materielle Körper (oberhalb der Quantenbene) gilt notwendigerweise, dass identische Ursachen auch identische Folgen nach sich ziehen. Wie also könnte sich eine natürliche Person X zum Zeitpunkt Y unter den just zu diesem Zeitpunkt vorherrschenden Bedingungen anders verhalten, als sie sich de facto verhält?19 Ich kann mir das nicht vorstellen. Ein Mensch ist ein Lebewesen, ein biologisches System. Wenn wir beispielsweise an einer neurodegenerativen Erkrankung wie Alzheimer erkranken, oder einen Hirnschlag erleiden, hat dies oft eine verändernde Wirkung auf unsere Persönlichkeit zur Folge, je nachdem, welches Hirnareal betroffen ist. Obwohl wahrscheinlich die wenigsten von uns der Ansicht sind, dass ‚sie‘ ihren Herzschlag, ihr Immunsystem, oder ihren Haarwuchs steuern, sind viele von uns der Überzeugung, dass ‚sie‘ ihr Gehirn bzw. ihre Gedanken steuern20. Aber wie soll das gehen? Wo in unserem Hirn oder sonst wo könnte sich ein ‚ich‘ oder ein ‚freier Wille‘ verstecken? Wie könnte so eine ursachenfreie Schaltstelle funktionieren, die wir frei hin und her schieben könnten, in Form eines „unbewegten Bewegers“21? Unser Hirn besteht aus etwa 100 Milliarden Nervenzellen, welche durch etwa 100 Billionen Synapsen miteinander verbunden sind. Es sei damit das komplizierteste Organ, das die Natur je hervorgebracht habe22. Hinzu kommt, dass der grösste Teil unserer Hirnaktivität, bis zu 99.9%, unbewusst abläuft23, und von diesem kleinen Prozentsatz, welcher es in mein Bewusstsein schafft, habe ‚ich‘ keine Ahnung, weshalb es diese sind und nicht andere. Und wie mache ‚ich‘ das überhaupt, zu denken? ‚Ich‘ habe keine Ahnung. Deshalb bin ‚ich‘ zur Ansicht gelangt, dass es falsch ist zu sagen ‚ich denke‘, solange ‚ich‘ mir unter diesem kleinen ‚ich‘ eine Art Kommandozentrale in meinem Hirn vorstelle, über welche ‚ich‘ frei verfügen kann. Wenn ‚ich‘ aber erkenne, dass dieses kleine ‚ich‘ eine Illusion ist, ein „virtuelles Theaterstück eines blumenkohlartigen Organs“24 und ‚ich‘ mein umfassenderes ‚ICH‘ als mein ganzes Mensch-Sein, meine Prozesshaftigkeit bezeichne, was meiner Meinung nach zutreffender ist, kann ‚ICH‘ sagen: ‚ICH denke, denken ist ein Teil meiner Wohl und Wehe empfindsamen Prozesshaftigkeit, meines Mensch-Seins‘. Frei ist mein Denken aber trotzdem nicht, sondern ursächlich bedingt durch mein genetisches Potenzial und allen Einflüssen, die mich bis zum jetzigen Moment geformt haben25. So habe ICH als Mensch zwar keinen freien Willen, aber einen Willen habe ICH trotzdem. ICH will z.B. gerade jetzt diesen Text schreiben. Und dieser unfreie Wille empfinde ICH als frei, wenn ICH weder durch innere noch äussere Ursachen daran gehindert werde, diesen Willen auszuleben, wenn ICH also Handlungsfreiheit26 habe. Oder wie es Arthur Schopenhauer zusammenfasste: „Ein Mensch kann zwar tun, was er will, aber er kann nicht wollen, was er will.27 ICH betrachte mich deshalb als Leben, das sich entfalten möchte, inmitten von Leben, das sich entfalten möchte. Und so sollten wir uns in der Aufklärung darum bemühen, dass jeder Mensch und jedes empfindsame Wesen, sich seinen Bedürfnissen entsprechend entfalten kann, ohne jemanden anderes daran zu hindern, sich selbst entfalten zu können. Wir müssen also auf die Suche nach inneren und äusseren Zwängen gehen, welche unserer Entfaltung im Weg stehen. Und die Denkart der Aufklärung, das kreativ-kritische Denken, ist dazu der vielversprechendste Weg, da sie am ehesten in Kontakt mit der vermeintlichen Realität ist und sich wie das Leben selbst versucht, fortlaufend zu entfalten. Und dies mit der Einsicht und Nachsicht, dass niemand von uns besser denken oder handeln kann, als man dies gerade tut oder jemals getan hat. In dieser Erkenntnis findet man deshalb zumindest theoretisch eine unermessliche Quelle des Verständnisses und der Nachsicht, andern, aber auch sich selbst gegenüber13. Ein Mensch kann nicht besser sein, als er ist. Wir können uns aber gegenseitig dabei helfen, besser zu werden, als wir sind, wenn wir denn wollen. Und dies bedeutet meiner Meinung nach auch nicht, dass kein Menschen mehr für seine Handlungen verantwortlich ist. Denn, auch wenn kein Mensch anders hat handeln können, als er gehandelt hat, bleibt er für seine Handlungen aus einer objektiven, juristischen und ethischen Perspektive trotzdem verantwortlich für seine Taten28. Was hingegen keinen Sinn mehr ergibt, ist es mit dem moralischen Finger auf uns und andere zu zeigen und so zu tun, als könnten wir besser sein, als wir sind, denn das können wir nicht.

Unschuldig zum Zweiten: Die Natur ist nicht von vornherein gut

Eine zweite Überzeugung, welche nach meinem Empfinden uns Menschen oft Schuld zuschreibt, ist jene, dass die Natur von sich aus gut wäre und wir Menschen negativ in dieses vermeintliche Gleichgewicht, diesen harmonischen Naturzustand eingreifen würden. Auch diese Ansicht ist meines Erachtens falsch und führt zu ungerechtfertigter Schuldzuschreibung und darüber hinaus zu einem äusserst negativen Menschenbild. Ein Stück weit kann ich diese Haltung verstehen, denn es ist offensichtlich, dass wir Menschen für sehr viel Leid verantwortlich sind. Wenn wir aber nur diese Schattenseiten unseres Mensch-Seins sehen, übersehen wir mindestens drei weitere Aspekte, welche ebenso sehr zutreffen und zu einem realistischeren, hoffnungsvolleren und weniger anschuldigenden Menschenbild führen.

Erstens scheint das Universum und ‚die Natur‘ völlig gleichgültig gegenüber dem Leid oder dem Wohl von uns Menschen und anderen empfindsamen Wesen zu sein. Etwa 99% aller Arten waren bereits ausgestorben, als der Mensch die Bühne des Lebens überhaupt betreten hat29. Man kann sich das damit verbundene Leid kaum vorstellen. Zweitens bietet uns die Erde selbst und das Universum ganz besonders, keineswegs paradiesische Zustände an. Stell dir vor wir müssten ohne eine einzige menschliche Erfindung unserer Vorfahren (Wissen, Kleidung, Werkzeuge, Medikamente u.v.m.) auf der Erde überleben. Ich bezweifle, dass wir es lange schaffen und falls doch, wahrscheinlich nicht sehr komfortabel.30 Und auch wenn ich es selten sinnvolle finde auf andere zu zeigen, muss ich drittens doch noch betonen, dass auch unter unseren empfindsamen Verwandten in weiten Teilen keine harmonischen Zustände herrschen. Es gilt sehr häufig der Grundsatz ‚fressen oder gefressen werden‘. Sogar innerhalb gleicher Arten töten sich viele Tiere gegenseitig31. Wer genau hinschaut kann meines Erachtens erkennen, dass ‚die Natur‘ weder ein Interesse an unserem Wohl zu haben scheint, noch dass die Erde uns ein Paradies bereitstellt, noch dass andere Tiere so viel besser wären.

Wir Menschen haben einen etwa 300‘000-jährigen32, sehr beschwerlichen Weg hinter uns. Unsere Vorfahren sind von Bäumen gestiegen und haben den aufrechten Gang gelernt. Mehr als 95% unserer Zeit haben wir Steinwerkzeuge benutz33. Erst vor etwa 6000 Jahren entwickelten wir erste komplexere Schriftsysteme34 und der moderne Buchdruck, welcher es uns ermöglichte, unser spärliches Wissen einer breiteren Menschheit zur Verfügung zu stellen, wurde erst vor rund 700 Jahren erfunden35. Zu einer Zeit, als noch viele Menschen auf dem Scheiterhaufen als Hexen verbrannt wurden, oder an heute heilbaren Krankheiten starben, da uns das Wissen fehlte, dass es keine Hexen gibt bzw. welche Ursachen und Heilungsverfahren diese Krankheiten haben. Heute wissen wir es zum Glück besser, denn Mikrobiologen, Meteorologen, Mediziner und viele weitere, kreativ-kritisch denkende Menschen haben die leidbringenden Ursachen gefunden, für welche diese unschuldigen Menschen tragischerweise verbrannt wurden, oder sterben mussten36. Diesen Siegeszug haben wir dem aufklärerischen, kreativ-kritischen Denken zu verdanken. Nicht nur hat uns diese Art zu denken zu fast schon unvorstellbar vielen Erfindungen verholfen, welche uns das Überleben erleichtern (u.a. Dampfmaschine, Elektrizität, Medikamente), sie hat uns Menschen auch näher zusammengebracht (u.a. Telefon, Internet, Flugzeug), wodurch immer mehr von uns sich bewusst werden, dass wir eine einzige Menschheitsfamilie auf einer gemeinsam geteilten Erde sind, in einem unvorstellbar grossen, lebensfeindlichen Universum. Und so haben wir es nach langem Kampf geschafft, so etwas wundervolles wie die universellen Menschenrechte37 und die freiheitlich-demokratische Grundordnung mit den Prinzipien einer offenen Gesellschaft (Liberalismus, Egalitarismus, Individualismus, Säkularismus)38 hervorzubringen. Wohin uns diese Art zu denken noch führen wird, kann niemand von uns wissen, aber wir haben damit den ‚Anfang der Unendlichkeit‘39 angestossen, das lebendige, sich entfaltende Denken und Handeln.

Team Mensch, unser unendliches Potenzial für eine bessere Welt

Wir Menschen kommen unschuldig und unwissend zur Welt und sind jeden Tag gezwungen, in einer höchst komplexen Welt, unzählige Entscheidungen zu treffen. Unsere Handlungen führten und führen noch immer oft zu grossem Leid. Weder hatten unsere Vorfahren die Möglichkeit besser zu sein, als sie waren, noch haben wir die Möglichkeit besser zu sein, als wir sind. Denn über einen freien Willen verfügen wir nicht und die Natur meint es nicht nur gut mit uns. Aus dem Dunkel der Unwissenheit haben wir uns in einem langwierigen, evolutionären Prozess einige Schritte in Richtung Licht bewegt. Seit noch nicht allzu langer Zeit verbreitet sich unter uns Menschen eine neue Art zu denken, die Software des aufklärerischen, kreativ-kritischen Denkens. Wenn uns die Schönheit dieser Denkart3 ergreift, können wir erkennen, dass wir sehr vieles noch nicht wissen und gleichzeitig haben wir den Mut für gut geprüfte Theorien vorläufig einzustehen, wenn wir erkennen, dass diese von falschen, leidbringenden Theorien bedrängt werden. Denn wir haben auch erkannt, dass für Wohl und Wehe empfindsame Wesen wie uns selbst, nicht alles relativ ist, sondern ganz real besser oder schlechter, um unsere Bedürfnisse zu befriedigen40. Wir sehen uns deshalb auch nicht mehr im Kampf gegen Menschen, sondern nur noch im gemeinsamen Kampf gegen Unwissenheit und leidbringende Zustände41. Wir haben erkannt, dass wir unsere Software fortlaufend aktualisieren sollten und Kritik das beste Mittel dazu ist. Wir empfinden Kritik deshalb auch nicht mehr als eine Gefahr, sondern als ein Geschenk und beschenken uns gegenseitig damit. So erhöhen wir die Chance leidbringende Ideen und Handlungen hinter uns zu lassen, damit wir immer seltener eine Quelle des Leides, des Hasses oder der Gewalt sind und wir immer öfters zu einer Quelle des Verständnisses, der Liebe, der Menschlichkeit werden. Dies erachten wir als den verheissungsvollsten Weg3, um unserem Namen, ‚Homo Sapiens – der Vernunft begabte Mensch‘ immer öfters gerecht zu werden. Und dieses Potenzial werden wir schneller zur Entfaltung bringen, wenn wir uns nicht länger ungerechtfertigterweise gegenseitig die Schuld zuschieben und mit dem moralischen Finger aufeinander zeigen. Wir benutzen unsere Finger und unseren Verstand deshalb dafür, um auf die Probleme unserer Zeit zu zeigen, denn davon gibt es genügend und um sie dann gemeinsam zu lösen.

Wir haben als Team Mensch einen äusserst schwierigen, etwa 300‘000-jährigen Weg hinter uns und wir haben einen höchst komplexen und hoffentlich noch sehr langen Weg vor uns. Aber wir haben gute Gründe darauf zu hoffen, dass wir immer bessere Wege finden werden, um das Leid zu mindern und das Wohl zu mehren.

In unserem Mensch-Sein sind wir Eins und doch ist jeder von uns einzigartig. Lasst uns unser Eins-Sein fühlen, unsere Einzigartigkeit achten und unsere Vielfalt vereinen, um gemeinsam eine bessere Welt zu schaffen.

Miteinander statt gegeneinander, das ist Aufklärung, das ist Menschlichkeit.

———–

Quellen, Zitate und Anmerkungen

Die meisten Gedanken und Zitate stammen aus den folgenden, meines Erachtens sehr empfehlenswerten Büchern:

  • Carl Sagan, 1997, Der Drache in meiner Garage oder Die Kunst der Wissenschaft, Unsinn zu entlarven. Droemer Knauer
  • David Deutsch, 2021, Der Anfang der Unendlichkeit – Erklärung, die die Welt verwandeln. Ungekürzte Deutsche eBook Ausgabe
  • Michael Schmidt-Salomon, 2006, Manifest des Evolutionären Humanismus – Plädoyer für eine zeitgemässe Leitkultur, Alibri Verlag
  • Michael Schmidt-Salomon, 2012, Jenseits von Gut und Böse – Warum wir ohne Moral die besseren Menschen sind.», Piper Verlag
  • Michael Schmidt-Salomon, 2014, Hoffnung Mensch, 2.Auflage Piper Verlag
  • Michael Schmidt-Salomon, 2016, Die Grenzen der Toleranz – Warum wir die offene Gesellschaft verteidigen müssen, Piper Verlag
  • Michael Schmidt-Salomon, 2024, Die Evolution des Denkens – Das moderne Weltbild – und wem wir es verdanken, Piper Verlag
  • Sam Harris, 2012, Free Will, Free Press eBook

1_

Kant Immanuel, 1784, Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung. Berlinische Monatsschrift. Zugriff am 25.06.2024 unter https://de.wikisource.org/wiki/Beantwortung_der_Frage:_Was_ist_Aufkl%C3%A4rung%3F

2_

Drei Zitate zu diesem Gedanken:

  • „Die naturwissenschaftliche Revolution war Teil einer größeren intellektuellen Revolution, der Aufklärung, die auch zu Fortschritten auf anderen Gebieten führte, vor allem in der Ethik, der politischen Philosophie und bei den gesellschaftlichen Institutionen. Leider wird der Begriff ›die Aufklärung‹ von Historikern und Philosophen verwendet, um eine Vielzahl sich teils vehement widersprechender Entwicklungen zu beschreiben. Was ich damit meine, wird sich hier bald herausstellen. Sie ist eine von vielen Facetten des ›Anfangs der Unendlichkeit‹ und Gegenstand dieses Buches. Aber eine Sache, die alle Aufklärungskonzepte gemeinsam haben, lautet, dass die Aufklärung eine Rebellion war, vor allem gegen die auf das Wissen bezogene Autorität.“ D. Deutsch, 2021, S.37
  • „So war die Aufklärung eine Revolution der Art und Weise, wie man nach Wissen suchte: indem man sich nicht auf eine Autorität verließ.“ D. Deutsch, 2021, S.38
  • „Eines der obersten Gebote der Wissenschaft lautet: »Mißtraue Argumenten von Autoritäten.“ C. Sagan, 1997, S.50

3_

Einige Zitate zur Methode und vor allem zur Schönheit des ‘kreativ- kritischen Denkens’. Ich bevorzuge diese Umschreibung dieser Denkart gegenüber der Bezeichnung ‘wissenschaftliches Denken’ oder ‘Wissenschaft’. Primär, weil sie besser umschreibt, was dieses Denken charakterisiert und sekundär, da ich den Eindruck habe, dass viele Menschen unter ‘Wissenschaft’ ein eher begrenztes Konzept verstehen. Grundsätzlich verstehe ich aber dasselbe darunter, nämlich die beste, schönste und effektivste Denkmethode, die wir Menschen je entwickelt haben, ein Leitstern am Himmel:

  • „Meine Eltern waren keine Wissenschaftler. Sie hatten fast keine Ahnung von Wissenschaft. Aber indem sie mir gleichzeitig Skepsis und Staunen zeigten, brachten sie mir die beiden so spannungsvoll aufeinander bezogenen Denkweisen bei, die von zentraler Bedeutung für das wissenschaftliche Arbeiten sind.“ C. Sagan, 1997, S.14
  • «Evolutionäre Humanisten, die mit Karl Popper lieber falsche Ideen sterben lassen, bevor Menschen für falsche Ideen sterben müssen, lehnen »Glauben« in diesem absoluten, religiösen Sinne ab. Sie gehen von dem rationalen Glauben (im Sinne von »Vermutung«) aus, dass die wissenschaftlichen Verfahren Logik (Überprüfung von Aussagen auf ihre Widerspruchsfreiheit) und Empirie (systematische Konfrontation von Tatsachenbehauptungen mit der Erfahrungswirklichkeit) die besten Instrumente sind, die die Menschheit bislang entwickelt hat, um gültige Erkenntnisse über die Welt zu gewinnen und die menschlichen Lebensverhältnisse humaner zu gestalten. (Sollten evolutionäre Humanisten künftig wider Erwarten feststellen, dass diese Ziele eher durch Horoskope, Kartenlegen, Kaffeesatzlesen oder Rosen-kranzbeten erreicht werden, würden sie der Wissenschaft abschwören.) Auch wenn sich das Projekt der wissenschaftlichen Aufklärung auf die griffige Formel »Wissen statt Glauben!« bringen lässt, so ist damit keineswegs eine intellektuell überhebliche Geisteshaltung verbunden. Im Gegenteil! Wissenschaftliches Wissen ist religiösem Glauben gerade deshalb überlegen, weil es um die eigene Beschränktheit weiß. Pointiert formuliert: Während Wissenschaftler wissen, dass sie nur etwas »glauben« (= für »wahr« halten), was heute angemessen erscheint, morgen aber möglicherweise schon überholt ist, glauben Gläubige, etwas zu wissen, was auch morgen noch gültig sein soll, obwohl es in der Regel schon heute widerlegt ist. Wenn also jemand tatsächlich im unbedingten Sinne an die Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung glauben sollte, so hätte er das Wesen der Wissenschaft gründlich missverstanden. Denn Wissenschaft ist per definitionem ergebnisoffen, als Methodik des kritischen Zweifelns beruht sie weder auf unantastbaren, ewigen »Wahrheiten«, noch hat sie das Bestreben, solche »Wahrheiten« zu vermitteln.» M. Schmidt-Salomon, 2006, S.37-38
  • „Zwar haben viele Menschen eine Abneigung gegen Unendlichkeiten verschiedenster Art. Aber es gibt einige Dinge, bei denen wir keine Wahl haben. Es gibt nur eine Denkweise, die Fortschritte erzielen und auf lange Sicht überleben kann, und sie lautet, mit Kreativität und Kritik nach guten Erklärungen zu suchen. In jedem Fall liegt die Unendlichkeit vor uns. Wir haben lediglich die Wahl, ob es eine Unendlichkeit von Unwissenheit oder Wissen ist, Unmoral oder Moral, Tod oder Leben.“ D. Deutsch, 2021, S.510
  • „Das wissenschaftliche Denken ist zugleich phantasievoll und diszipliniert. Dies ist von zentraler Bedeutung für ihren Erfolg. Die Wissenschaft lädt uns ein, uns auf die Fakten einzulassen, selbst wenn sie nicht mit unseren vorgefaßten Meinungen übereinstimmen. Sie empfiehlt uns, uns alternative Hypothesen durch den Kopf gehen zu lassen und zu sehen, welche am besten zu den Fakten passen. Sie nötigt uns ein empfindliches Gleichgewicht auf zwischen einer allumfassenden Offenheit gegenüber neuen Ideen, wie ketzerisch auch immer sie sein mögen, und dem rigorosesten skeptischen Überprüfen von allem und jedem – neuen Ideen wie etabliertem Wissen. Diese Art des Denkens ist auch ein wichtiges Instrument für eine Demokratie in einem Zeitalter des Wandels. Einer der Gründe für ihren Erfolg besteht darin, daß die Wissenschaft als Herzstück einen eingebauten Mechanismus zur Korrektur von Fehlern besitzt. Für manche mag dies eine allzu weitgefaßte Charakterisierung sein, aber für mich betreiben wir immer dann Wissenschaft, wenn wir Selbstkritik üben, unsere Vorstellungen an der Außenwelt überprüfen. Wenn wir maßlos und unkritisch sind, wenn wir Hoffnungen und Fakten durcheinanderbringen, gleiten wir in Pseudowissenschaft und Aberglauben ab. Jedesmal, wenn ein wissenschaftliches Papier ein paar Daten präsentiert, erscheint eine Fehlermarke – eine lautlose, aber beständige Mahnung, daß kein Wissen vollständig oder vollkommen ist.“ C. Sagan, 1997, S.48-49
  • „All unsere Wissenschaft ist, gemessen an der Wirklichkeit, primitiv und kindlich – und doch ist sie unser kostbarstes Gut. Albert Einstein (1879-1955) Carl Sagan, 1997, S.17
  • „Die Wissenschaft ist weit davon entfernt, ein vollkommenes Instrument des Wissens zu sein. Sie ist einfach nur das Beste, das wir haben.» Carl Sagan, 1997, S.48
  • „Wissenschaft ist nicht nur kompatibel mit der Spiritualität – sie ist auch eine tiefreichende Quelle der Spiritualität. Wenn wir unseren Ort in riesigen Räumen von Lichtjahren und im Vergehen der Zeitalter erkennen, wenn wir die Komplexität, Schönheit und Subtilität des Lebens begreifen, dann ist dieses Hochgefühl, dieses Gefühl der Erhebung und zugleich der Demut ganz sicher spirituell.“ C. Sagan, 1997, S.51
  • „Die Wissenschaft ist mehr als eine Ansammlung von Wissen – sie ist eine Art des Denkens.“ C. Sagan, 1997, S.46
  • „Die Methode der Wissenschaft, so trocken und abweisend sie scheinen mag, ist weitaus wichtiger als ihre Ergebnisse.“ C. Sagan, 1997, S.44
  • “I think the essence of the scientific method is the willingness to admit your wrong, the willingness to abandon ideas that don’t work and the essence of religion is not to change anything. The supposed truth are handed down by some rewired figure and then no one is supposed to make any to progress beyond that because all the truth are thought to be in hand. My sense is that the scientific way of thinking, questioning, some delicate mix of creative encouragement of new ideas and the most rigorous and skeptical scrutiny of new and old ideas, I think that is the path to the future not just for science but for all human institution, we have to be willing to challenge, because we are in desperate need of change.” Carl Sagan, abgehört am 25.06.2024 aus einer Rede von ihm aus folgendem YouTube-Video bei Minute 3.09: https://youtu.be/Q-yt_Al7aKo?si=BUs5-ftlBZ-tG3zw&t=189
  • „Die Entdeckung einer neuen Erklärung ist an sich ein kreativer, also schöpferischer Akt.“ D. Deutsch, 2021, S.32
  • „Die wirkliche Quelle unserer Theorien ist das Raten, und die wirkliche Quelle unseres Wissens ist das Raten im Wechsel mit Kritik. Wir erschaffen Theorien, indem wir bereits vorhandene Ideen mit der Absicht, sie zu verbessern, neu arrangieren, kombinieren, abändern und auf ihnen aufbauen. Die Aufgabe von Experimenten und Beobachtungen besteht darin, zwischen bestehenden Theorien zu entscheiden, nicht darin, als Quelle neuer Theorien zu dienen. Wir interpretieren Wahrnehmungen zwar anhand erklärender Theorien, doch wahre Erklärungen sind nicht offensichtlich. Fallibilismus bedeutet, nicht auf Autoritäten zu achten, sondern anzuerkennen, dass man sich immer irren kann, und zu versuchen, Fehler zu korrigieren. Wir tun dies, indem wir nach guten Erklärungen suchen – Erklärungen, die schwer zu verändern sind, weil sie durch eine Veränderung ihrer Details ruiniert würden. Dies, nicht die experimentelle Überprüfung, war der entscheidende Faktor für die naturwissenschaftliche Revolution und auch für den einzigartigen, raschen, anhaltenden Fortschritt in anderen Bereichen, die an der Aufklärung beteiligt waren. Dabei handelte es sich um eine Rebellion gegen die Autorität, und im Gegensatz zu den meisten solcher Rebellionen versuchte sie, nicht nach autoritativen Rechtfertigungen für Theorien zu streben, und baute stattdessen eine kritische Tradition auf. Einige der daraus resultierenden Ideen haben enorme Reichweite: Sie erklären mehr als das, wofür sie ursprünglich entwickelt wurden. Die Reichweite einer Erklärung ist ein wesentliches Merkmal von ihr und keine Annahme, die wir über sie machen, wie es der Empirismus und Induktivismus behaupten.“ D. Deutsch, 2021, S.59
  • „Das war die Situation seit der frühesten Urgeschichte unserer Art, durch die Frühzeit der Zivilisation und ihren unmerklich langsamen Anstieg der Raffinesse – mit vielen Rückschritten – bis vor einigen Jahrhunderten. Dann tauchte ein gewaltiger neuer Entdeckungs- und Erklärungsmodus auf, der später als die Naturwissenschaften bekannt wurde. Seine Entstehung wird als naturwissenschaftliche Revolution bezeichnet, weil es ihm fast augenblicklich gelungen ist, Wissen mit einer spürbaren Geschwindigkeit zu schaffen, die seitdem zugenommen hat.“ D. Deutsch S.89 ebook
  • „Die Begegnung mit der Natur nötigt der Wissenschaft unweigerlich ein Gefühl der Achtung und Ehrfurcht ab. Der eigentliche Akt des Verstehens ist eine feierliche Vereinigung, Verschmelzung, wenn auch in einem sehr bescheidenen Maße, mit der Herrlichkeit des Kosmos. Und die weltweite Anhäufung des Wissens im Laufe der Zeit verwandelt die Wissenschaft in etwas, was einem transnationalen, transgenerationalen Metageist sehr nahe kommt.“ C. Sagan, 1997, S.51
  • „Worauf beruht das Erfolgsgeheimnis der Wissenschaft? Zum Teil auf diesem eingebauten Fehlerkorrekturmechanismus. In der Wissenschaft gibt es keine verbotenen Fragen, keine Angelegenheiten, die zu prekär oder heikel wären, um sie zu untersuchen, keine heiligen Wahrheiten. Diese Offenheit gegenüber neuen Ideen, verbunden mit der rigorosesten, skeptischsten Überprüfung aller Ideen, trennt die Spreu vom Weizen. Dabei spielt es keine Rolle, wie klug, erhaben oder beliebt Sie sind. Sie müssen ihre Sache vor entschlossenen Fachkritikern beweisen. Meinungsvielfalt und Diskussionsfreudigkeit werden geschätzt. Meinungsstreit wird ermutigt – wenn er überzeugend und tiefgehend geführt wird. “ C. Sagan, 1997, S.53-54
  • „Die Allgemeine Relativitätstheorie ist mit Sicherheit eine unangemessene Darstellung der Natur auf der Quantenebene, aber selbst wenn dies nicht der Fall wäre, selbst wenn die Allgemeine Relativitätstheorie überall und für immer gültig wäre – wie könnten wir uns besser von ihrer Gültigkeit überzeugen als dadurch, daß wir uns mit vereinten Kräften bemühen, ihre Schwächen und Grenzen aufzudecken? Dies ist einer der Gründe, warum die organisierten Religionen mir kein Vertrauen einflößen. Welche Führer der großen Glaubensrichtungen akzeptieren schon, daß ihr Glaube unvollkommen oder irrig sein könnte, und richten Institute ein, um mögliche Mängel der Lehre aufzudecken? Wer untersucht schon über die Bewährung im Alltagsleben hinaus systematisch die Verhältnisse, in denen sich traditionelle religiöse Lehren vielleicht nicht länger anwenden lassen? (Es ist mit Sicherheit denkbar, daß Lehren und Ethiken, die zur Zeit der Patriarchen, der Kirchenväter oder im Mittelalter ziemlich gut funktioniert haben, in der völlig anderen Welt, in der wir heute leben, ganz und gar ungültig sein könnten.) Welche Predigten untersuchen schon unparteiisch die Gottes-Hypothese? Welche Auszeichnungen werden Religionskritikern von den etablierten Religionen verliehen – oder eigentlich auch Sozial- und Wirtschaftskritikern von der Gesellschaft, in der sie sich tummeln? Die Wissenschaft, bemerkt Arm Druyan, flüstert uns ständig ins Ohr: »Denk daran, daß dies etwas ganz Neues für dich ist. Du könntest dich irren. Du hast dich ja schon mal geirrt.« Ich lasse hier einmal alle Bescheidenheit fahren und verlange, daß man mir etwas Vergleichbares in der Religion zeigt. Die Heilige Schrift, heißt es, ist göttlich inspiriert – eine sehr vieldeutige Phrase. Und wenn sie einfach von fehlbaren Menschen zusammengestellt worden wäre? Wunder werden beglaubigt – und wenn sie statt dessen irgendeine Mischung aus Scharlatanerie, unbekannten Bewußtseinszuständen, falsch interpretierten natürlichen Phänomenen und Geisteskrankheit wären? Keine zeitgenössische Religion und keine New-Age-Anschauung scheint mir die Größe, Herrlichkeit, Feinheit und Kompliziertheit des von der Wissenschaft enthüllten Universums hinreichend in Betracht zu ziehen. Die Tatsache, daß so wenige Ergebnisse der modernen Wissenschaft in der Heiligen Schrift angekündigt sind, zieht ihre göttliche Inspiriertheit meiner Meinung nach noch mehr in Zweifel. Aber natürlich kann ich mich irren. “ C. Sagan, 1997, S.58-59
  • „Wenn wir nicht selbständig denken können, sind wir nichts als Wachs in den Händen derer, die an der Macht sind. Aber wenn die Bürger gebildet sind und sich ihre eigene Meinung bilden, arbeiten die Mächtigen für uns. Überall auf der Welt sollten wir unseren Kindern die wissenschaftliche Methode beibringen und ihnen erklären, warum es Menschenrechte gibt. In der Welt voller Dämonen, in der wir leben, weil wir Menschen sind, mag dies alles sein, was zwischen uns steht und der Finsternis, die uns umgibt.“ C. Sagan, 1997, S.507
  • „Fest steht: Wer heute ein logisch konsistentes (= widerspruchsfreies), mit empirischen Erkenntnissen über-einstimmendes (= unserem systematischen Erfahrungswissen entsprechendes) und auch ethisch tragfähiges Menschen- und Weltbild entwickeln möchte, muss notwendigerweise auf die Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschung zurückgreifen. Die traditionellen Religionen, die bislang das menschliche Selbstverständnis prägten, können diese Aufgabe nicht mehr erfüllen. Sie sind nicht nur hinreichend theoretisch widerlegt, sie haben sich auch in ihrer Praxis als schlechte Ratgeber für die Menschheit erwiesen, wie nicht zuletzt der islamische Fundamentalismus2 oder die „Kriminalgeschichte“ des Christentums3 belegen.“ M. Schmidt-Salomon, 2006, S.8

4_

In Anlehnung an das Zitat von Isaac Newton: «Was wir wissen, ist ein Tropfen, was wir nicht wissen, ein Ozean.»

5_

Dass Kritik ein Geschenk ist, hat mir sicherlich niemand besser veranschaulicht als Michael Schmidt-Salomon. So zum Beispiel im Kapitel 5 «Kritik ist ein Geschenk: Die Kunst, Fehler einzugestehen» in seinem Buch «Jenseits von GUT und BÖSE». Oder im folgenden, wundervollen Zitat aus demselben Buch:

  • „Eben dies ist die eigentliche frohe Botschaft für uns nackte Affen: Wir müssen uns die Welt nicht schönreden, um sie als schön zu empfinden. Wir können etwas bewegen, ohne »unbewegte Beweger« zu sein. Wir können frei sein, ohne Willensfreiheit zu unterstellen. Wir können für Gerechtigkeit sorgen, ohne selbstgerecht zu werden. Wir können uns selbst helfen, indem wir anderen helfen, selbst glücklich sein, indem wir glücklich machen. Wir können vergeben statt vergelten, können Kritik als Geschenk begrüßen, statt vor ihr zu flüchten. Wir können unserem Leben einen Sinn geben, der sinnlich erfahrbar ist und nicht übersinnlich herbeihalluziniert werden muss. Wir können unser Selbst verwirklichen, indem wir es überwinden. Und wir können daran arbeiten, der zu werden, der wir sein könnten, statt uns dafür schuldig zu fühlen, der zu sein, der wir sind.“ M. Schmidt-Salomon, 2012, S.310-311

6_

  • «Nur weil wir unterschiedlich sind, können wir voneinander lernen. “ M. Schmidt-Salomon, 2016, S.8

7_Was für eine wundervolles Zitat/Erkenntnis:

  • Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will«, hat Albert Schweitzer einmal in bewundernswerter Klarheit formuliert.57 Wir werden uns mit den ethischen Implikationen dieses Satzes später noch beschäftigen. Hier soll es darum gehen, was die in Schweitzers Diktum enthaltene Aussage für das Individuum bedeutet: Es ist die Erfahrung der fundamentalen Verbundenheit des Ichs mit dem Weltganzen, eine Erfahrung, die häufig mit dem Begriff der »Spiritualität« belegt wird.58“ Michael Schmidt-Salomon, 2012, S.245-246

8_

Michael Schmidt-Salomon machte mich darauf aufmerksam, dass nicht fehlende Nächstenliebe das Problem ist, sondern der damit oft verbundene Fernstenhass (erstes Zitat) und er beschreibt im zweiten Zitat auch die nötige Korrektur dafür, nämlich den empathischen Kreis auf die Menschheit in ihrer Gesamtheit auszuweiten:

  • „Kulischers Forschungsergebnisse dokumentieren treffend, was heute unter den Begriff des »moralischen Dualismus« gefasst wird, nämlich die Aufteilung der als verbindlich geltenden Verhaltensregeln in zwei grundverschiedene Moralsysteme, einer Binnenmoral für die Mitglieder der eigenen Gruppe (die Insider) und einer Außenmoral für die Mitglieder fremder Gruppen (die Outsider). Da sich diese beiden Moralsysteme diametral voneinander unterscheiden (Barmherzigkeit hier, Rache dort), gehen Nächstenliebe und Fernstenhass oftmals Hand in Hand – getreu der Devise: »Und willst du nicht mein Bruder sein, so schlag’ ich dir den Schädel ein!« Berücksichtigt man diesen moralischen Dualismus, löst sich ein scheinbarer Widerspruch auf, auf den man bei der Betrachtung der menschlichen Kulturgeschichte immer wieder stößt: Einerseits ist der Mensch das empathischste Lebewesen auf diesem Planeten, ein geborener Teamplayer, der von den Mechanismen der Evolution ähnlich stark in Richtung Mitgefühl getrimmt wurde wie die Großkatzen in Richtung Kraft und Geschwindigkeit.224 Andererseits jedoch zeichnet sich gerade der Mensch durch eine besondere Grausamkeit gegenüber seinen Artgenossen aus – insbesondere wenn diese nicht der eigenen Gruppe angehören bzw. aus dieser verstoßen wurden.“ M. Schmidt-Salomon, 2016, 139-140
  • „An diesem Punkt wird deutlich, was wir tun können, um die verhängnisvolle Wechselwirkung von Nächstenliebe und Fernstenhass zu unterbinden: Wir müssen die Begrenzung des empathischen Systems auf den eigenen Clan, die eigene Ethnie, die Vertreter der eigenen Kultur, Nation, Religion, Ideologie verhindern und dafür sorgen, dass der Kreis derer, die in den Genuss empathischer Empfindungen kommen, erweitert wird. Dass dies möglich ist, verrät ein Blick in die Geschichte. Denn im Verlauf der menschlichen Kulturevolution hat sich der empathische Kreis zunehmend vergrößert:229 Umfasste er zunächst nur den eigenen Clan, umschloss er später spezifische Großgruppen (Nation, Religion, Ethnie, Klasse) und schließlich, mit der UN-Menschenrechtserklärung, die Menschheit in ihrer Gesamtheit. Und selbst bei dieser weltbürgerlichen Perspektive sind viele nicht stehen geblieben, denn mittlerweile hat der empathische Kreis die Artgrenze durchbrochen: Immer mehr Menschen sehen ein, dass es keinen plausiblen Grund gibt, die Interessen von Lebewesen (etwa der Großen Menschenaffen) bloß deshalb zu ignorieren, weil sie nicht unserer eigenen Spezies angehören.230 Hinter dieser erstaunlichen Ausweitung des empathischen Kreises verbirgt sich ein bemerkenswerter intellektueller Fortschritt, ja: ein echter Paradigmenwechsel, nämlich die Ablösung des alten, moralischen Dualismus durch einen neuen, ethischen Monismus. “ M. Schmidt-Salomon, 2016, 141

9_

Natürlich nur, sofern diese Entfaltung nicht auf Kosten anderer geht. Und ich würde an das Zitat noch anfügen: «…und sich selbst.».

10_

Auf diesen Fehler machte auch bereits Michael Schmidt-Salomon aufmerksam:

  • „Evolutionäre Humanisten fühlen sich insbesondere diesem produktiven Erbe der Aufklärung verpflichtet. Wenn sie religiöse Welterklärungsmodelle dekonstruieren, so geschieht dies nicht aus Selbstzweck, sondern zur Verwirklichung jener Losung, die Immanuel Kant einst für die Aufklärung vorgegeben hat: »Sapere aude ! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! «Im Unterschied zu Kant gehen evolutionäre Humanisten allerdings davon aus, dass die Unmündigkeit, aus der die Aufklärung die Menschen führen sollte, keineswegs »selbstverschuldet« ist (Kant), sondern dass diese strukturell (biologisch, soziologisch, ökologisch, ökonomisch etc.) bedingt ist. Eben deshalb ist es auch müßig, von idealistischen Appellen weitreichende Wirkungen zu erwarten.» Michael Schmidt-Salomon, 2006, S.91

11_

Einige Zitate zum freien Willen:

  • “The popular conception of free will seems to rest on two assumptions: (1) that each of us could have behaved differently than we did in the past, and (2) that we are the conscious source of most of our thoughts and actions in the present. As we are about to see, however, both of these assumptions are false.” S. Harris, 2012, S.18
  • “Free will is an illusion. Our wills are simply not of our own making. Thoughts and intentions emerge from background causes of which we are unaware and over which we exert no conscious control. We do not have the freedom we think we have.” S. Harris, 2012, S.17
  • “The intention to do one thing and not another does not originate in consciousness—rather, it appears in consciousness, as does any thought or impulse that might oppose it.” S. Harris, 2012, S.20
  • «Schopenhauers Widerlegung der Willensfreiheitsidee richtet sich vor allem gegen jenes Denkmuster, das zeitgenössische Philosophen mit dem Begriff »Prinzip der alternativen Möglichkeiten« belegen. Der Philosoph Michael Pauen definiert dieses für den Willensfreiheitsbegriff konstitutive Prinzip folgendermaßen: »Wenn wir das Handeln einer Person als frei bezeichnen, dann setzen wir damit in der Regel voraus, dass die Person unter den gegebenen Umständen auch anders hätte handeln können. Besteht diese Möglichkeit nicht, dann sprechen wir normalerweise nicht mehr von einer freien, durch die Person zu verantwortenden Handlung …«25”M. Schmidt-Salomon, 2012, S.119
  • „Erstens: Willensfreiheit ist eine Illusion. Wie andere Lebewesen auch, sind Menschen nicht in der Lage, Naturgesetze zu überschreiten. Daher ist es schlichtweg unmöglich, dass sich eine Person unter exakt den gleichen Bedingungen anders entscheiden könnte, als sie sich de facto entscheidet. Das »Prinzip der alternativen Möglichkeiten« muss aufgegeben werden.“ M. Schmidt-Salomon, 2012, S.201
  • „Denn diese Ideen stehen nicht allein im Konflikt mit den Ergebnissen der Hirnforschung, sondern widersprechen dem wissenschaftlichen Forschungsprinzip schlechthin, worauf etwa Wolfgang Prinz, der Direktor des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften in München, hingewiesen hat: „Die Idee eines freien menschlichen Willens ist mit wissenschaftlichen Überlegungen nicht zu vereinbaren. Wissenschaft geht davon aus, dass alles, was geschieht, seine Ursachen hat und dass man diese Ursachen finden kann. Für mich ist unverständlich, dass jemand, der empirische Wissenschaft betreibt, glauben kann, dass freies, also nichtdeterminiertes Handeln denkbar ist.27»”M. Schmidt Salomon, 2012, S.120
  • „Konnten René Descartes und seine Nachfolger noch davon ausgehen, dass das autonome, »denkende Ich« in begrenztem Umfang über seinen Körper bestimmen könne, wissen wir heute, dass das »Ich« nichts weiter ist als ein Artefakt des körperbewussten Gehirns. Das für unser Selbstverständnis so zentrale und intuitiv überzeugende Gefühl, dass wir autonom handelnde, über Naturkausalitäten erhabene Subjekte sind, ist nach heutigem Kenntnisstand nichts weiter als das Resultat einer geschickten Selbsttäuschung unseres Organismus. Das »bewusste Ich« wird erzeugt und gesteuert von neuronalen Prozessen, die selbst unmittelbar nicht erfahrbar sind.26” M. Schmidt-Salomon, 2006, S.15-16

12_

Schuldgefühle, Schuldzuweisungen, Rachegefühle entspringen oft aus dem Glauben an einen freien Willen:

  • „The belief in free will has given us both the religious conception of “sin” and our commitment to retributive justice.” S. Harris, 2012, S.73
  • „The urge for retribution depends upon our not seeing the underlying causes of human behavior. Despite our attachment to the notion of free will, most of us know that disorders of the brain can trump the best intentions of the mind. This shift in understanding represents progress toward a deeper, more consistent, and more compassionate view of our common humanity—and we should note that this is progress away from religious metaphysics. Few concepts have offered greater scope for human cruelty than the idea of an immortal soul that stands independent of all material influences, ranging from genes to economic systems. Within a religious framework, a belief in free will supports the notion of sin—which seems to justify not only harsh punishment in this life but eternal punishment in the next.” S. Harris, 2012, S.82-83

13_

Und hier einige positive Auswirkungen, die eintreffen können, wenn man den ‘unbegründeten’ Glauben an einen freien Willen aufgibt:

  • „Wenn wir die Ergebnisse logisch-empirischer Forschung ernst nehmen und das Prinzip der Willensfreiheit verwerfen, so kann dies sehr wohl zu einer Stärkung des Mutes zur Freiheit führen. Das Wissen darum, dass das Prinzip der alternativen Möglichkeiten bloß eine Chimäre ist, reduziert nämlich die Angst vor dem Versagen und damit den psychischen Druck, vor dem der Unterwerfungswillige flieht. Wer weiß, dass er sich in der Vergangenheit nur in der Weise verhalten konnte, wie er sich unter den gegebenen Bedingungen verhalten musste, der wird zurückliegende Fehlentscheidungen wohl bereuen und auch daran arbeiten, künftig anders zu reagieren, er wird daraus jedoch keine Selbstvorwürfe ableiten, da es sinnlos ist, sich für etwas zu kasteien, was notwendigerweise so war, wie es war. Die hiermit verbundene Fähigkeit zur Selbstvergebung führt nicht nur zu einer Verbesserung des individuellen Vermögens, dem Druck der Gruppe zu widerstehen, vermeintliche Autoritäten zu hinterfragen und eigene Wege im Dschungel des Lebens einzuschlagen. Wer sich selbst vergibt, kann auch anderen besser vergeben und dadurch ein entspannteres Verhältnis zu seinen Mitmenschen entwickeln. Nicht zuletzt zeigen sich die Vorzüge dieser alternativen Sichtweise auch auf gesellschaftlicher Ebene: Denn Individuen, die gelernt haben, sich selbst und anderen zu vergeben, wird man kaum dafür gewinnen können, Rachefeldzüge gegen »das Böse« und seine vermeintlichen »Agenten« zu führen.» M. Schmidt-Salomon, 2012, S.203-204
  • „Fest steht: Wer sich von der moralischen Fiktion befreit hat, dass sich eine Person zum Zeitpunkt ihrer Tat anders hätte verhalten können, als sie sich verhielt (Prinzip der alternativen Möglichkeiten), dem fällt es leichter, zu verzeihen. Warum? Weil er unter dieser Voraussetzung den Schaden, den er erlitten hat, als Ausdruck eines natürlichen Übels begreift und nicht als moralisches Übel, was, wie wir im ersten Kapitel gesehen haben, einen weit geringeren Grad der Verbitterung nach sich zieht.” M. Schmidt-Salomon, 2012, S.275
  • „Certain criminals must be incarcerated to prevent them from harming other people. The moral justification for this is entirely straightforward: Everyone else will be better off this way. Dispensing with the illusion of free will allows us to focus on the things that matter—assessing risk, protecting innocent people, deterring crime, etc. However, certain moral intuitions begin to relax the moment we take a wider picture of causality into account. Once we recognize that even the most terrifying predators are, in a very real sense, unlucky to be who they are, the logic of hating (as opposed to fearing) them begins to unravel. Once again, even if you believe that every human being harbors an immortal soul, the picture does not change: Anyone born with the soul of a psychopath has been profoundly unlucky.” S. Harris, 2012, S.80-81
  • „Hans Albert hat einmal zu Recht darauf hingewiesen, dass der »Kritizismus«, also das unumwundene Einstehen für die Idee der Kritik, eine regelrechte »Lebensweise« sei und nicht bloß ein »abstraktes Prinzip ohne existenzielle Bedeutung«.12 Dieser Aussage stimme ich ausdrücklich zu. Doch wenn ich mich nicht sehr irre, schafft erst das Paradigma der Unschuld die Voraussetzungen dafür, dass wir diese »kritizistische Lebensweise« auch tatsächlich im Alltag umsetzen können. Denn nur, wenn wir uns nicht mehr dafür verurteilen, Fehler zu machen, können wir unsere Schwächen vor anderen zugeben. Nur wenn wir die Angst verlieren, von den anderen »entlarvt« zu werden, finden wir die Kraft, vorurteilslos auf sie zuzugehen, uns auf ihre Argumente einzulassen und, sofern diese Argumente stimmig sind, von ihnen zu lernen. Das Paradigma der Unschuld führt also nicht nur zu einem entspannteren Ich, sondern auch zu entspannteren Beziehungen. Dazu trägt nicht zuletzt der Umstand bei, dass derjenige, der sich selbst Fehler zugestehen kann, auch weit eher in der Lage ist, anderen ihre Fehler nachzusehen.» M. Schmidt-Salomon, 2012, S.266-267
  • «Dies ist wohl der Grund dafür, dass Albert Einstein (siehe Einleitung) meinte, die Aufhebung der Willensfreiheitsidee führe dazu, dass wir uns selbst und die anderen nicht mehr »gar zu ernst« nehmen würden. In der Tat: Die meist mit heiligem Ernst vorgetragene Ego-Fixierung, die seltsame Eigenart von Menschen, sich mit stolzgeschwängerter Brust etwas auf sogenannte eigene Leistungen einzubilden und im nächsten Moment schlimm darunter zu leiden, falls sie in irgendeiner Hinsicht versagt haben sollten, erhält nach dem Abschied vom freien Willen eine durchaus komische Note. Wie könnte man beispielsweise auf eigene Schönheit stolz sein, wenn man doch weiß, dass diese nicht zuletzt abhängig ist von einer zufälligen Anordnung von Adenin, Thymin, Guanin und Cytosin (den vier Basen der DNA), die zu einem Zeitpunkt zusammengewürfelt wurden, als das stolzgeschwängerte Ich noch gar nicht existierte?! Oder wie könnte ich etwa stolz darauf sein, einen Doktortitel zu besitzen und Bücher zu schreiben? Auch dies ist nicht auf mich als »unbewegten Beweger« zurückzuführen, sondern auf Trilliarden von Faktoren, auf die ich selbst gar keinen Einfluss hatte. Wer sich all dies hinreichend vergegenwärtigt, der wird die Welt mit anderen Augen betrachten und eine tiefe innere Ruhe erfahren, eine Leichtigkeit des Seins, die sich schwer in Worte fassen lässt. Falls Sie die Erfahrung nicht selbst schon gemacht haben: Versuchen Sie einmal sich vorzustellen, was es bedeutet, keine Schuldgefühle mehr zu kennen, keinen Stolz, keine Versagensangst, keine Furcht davor, sich vor anderen zu blamieren …» M. Schmidt-Salomon, 2012, S.212-213

14_

Der Neurologe und Arzt Joachim Bauer antwortete auf eine NZZ-Interviewfrage 2015 hierzu beispielsweise wie folgt:

  • Frage: «Sie halten die Negation des freien Willens nicht nur für falsch in der Sache, sondern auch für gefährlich. Warum?» Antwort: «Einige Forscher gaben Versuchspersonen einen Artikel zu lesen, in dem stand, die Existenz des freien Willens sei wissenschaftlich eindeutig widerlegt. Diese Probanden verhielten sich deutlich unverantwortlicher und unsozialer als zuvor. Es geht aber auch ohne Wissenschaft: Würden Sie sich – im Falle einer notwendigen Operation – gern in die Hände eines Narkosearztes begeben, der Ihnen vorher gesagt hat, er halte die freie Willensentscheidung für eine Illusion?» Zugriff am 25.06.2024 unter https://www.nzz.ch/feuilleton/und-der-wille-ist-doch-frei-ld.888208

15_

Sam Harris, welcher oft über dieses Thema spricht, macht regelmässig vor seinen Ausführungen zu diesem Thema den Hinweis, dass Menschen ihm nicht zuhören sollen, falls sie von diesen Gedanken verunsichert werden. Er hat anscheinend schon mehrere solcher Rückmeldungen erhalten. Ich mache dies deshalb nun auch, da es nicht meine Absicht ist, jemandem Leid zuzufügen. Ich kann auch verstehen, dass die Abkehr vom Glauben an einen freien Willen eine tiefe und weitreichende Veränderung darstellt, für den Blick auf die Welt und sich selbst, was Verunsicherung auslösen kann.

16_

Der kreativ-kritisch denkende Mensch versucht nicht seine Bedürfnisse und Wünsche der Natur aufzunötigen, er befragt sie mit aller Bescheidenheit und nimmt ernst, was er entdeckt:

  • „Manche Menschen halten die Wissenschaft für arrogant – besonders wenn sie vorgibt, altbewährten Glaubenssätzen zu widersprechen, oder wenn sie bizarre Begriffe einführt, die dem gesunden Menschenverstand zuwiderzulaufen scheinen. Wie ein Erdbeben, das unseren Glauben ausgerechnet auf dem Boden, auf dem wir stehen, erschüttert, kann das Infragestellen gewohnter Ansichten, die Erschütterung der Lehren, auf die wir uns seit jeher stützen, zutiefst beunruhigend sein. Gleichwohl bleibe ich dabei, daß die Bescheidenheit zur Wissenschaft einfach dazugehört. Wissenschaftler versuchen nicht, ihre Bedürfnisse und Wünsche der Natur aufzunötigen, sondern befragen sie lieber in aller Bescheidenheit und nehmen ernst, was sie entdecken. Wir sind uns darüber im klaren, daß verehrte Wissenschaftler sich geirrt haben. Wir wissen, daß die Menschen unvollkommen sind. Wir bestehen auf unabhängiger und – soweit wie möglich – vielfacher Überprüfung aller vorgetragenen Überzeugungen. Wir spornen ständig an, stellen in Frage, suchen nach Widersprüchen oder kleinen, sich hartnäckig haltenden Fehlern, schlagen alternative Erklärungen vor, ermutigen die Ketzerei. Wir verleihen unsere höchsten Auszeichnungen denen, die überzeugend etablierte Anschauungen widerlegt haben.“ C. Sagan, 1997, S.55-56
  • „Weil Wissenschaft uns dazu bringt, die Welt zu verstehen, wie sie ist, statt wie wir sie uns wünschen, sind ihre Ergebnisse vielleicht nicht in allen Fällen unmittelbar verständlich oder befriedigend. Vielleicht erfordert es ein wenig Arbeit, unsere vorgefaßten Meinungen zu ändern. Zum Teil ist Wissenschaft ganz einfach. Wenn sie kompliziert wird, liegt das gewöhnlich daran, daß die Welt kompliziert ist – oder weil wir kompliziert sind. Wenn wir vor ihr zurückscheuen, weil sie zu kompliziert zu sein scheint (oder weil wir so schlecht unterrichtet sind), berauben wir uns der Fähigkeit, unsere Zukunft selbst in die Hand zu nehmen.“ C. Sagan, 1997, S.50-51

17_

Albert Einstein, Michael Schmidt-Salomon und Sam Harris, von welchen die zwei Letzt genannten eigene Bücher gegen den freien Willen geschrieben haben, fallen meines Erachtens in keiner Weise durch Fatalismus oder ein unethisches Leben auf. Im Gegenteil, sie sind für mich grosse Vorbilder für den Versuch eines engagierten und ethischen Lebens:

Albert Einstein war weder durch Fatalismus noch für ein unethisches Leben bekannt. Er schreibt in seinem wundervollen ‘Glaubensbekenntnis’ (1932), nicht nur, dass er nicht an einen freien Willen glaubt, er spricht sich auch wundervoll für Demokratie, Pazifismus, Sozialen Ausgleich, Bescheidenheit und viel Erstrebenswertes mehr aus:

  • «Mein Glaubensbekenntnis[I. Teil] Zu den Menschen zu gehören, die ihre besten Kräfte der Betrachtung und Erforschung objektiver, nicht zeitgebundener Dinge widmen dürfen und können, bedeutet eine besondere Gnade. Wie froh und dankbar bin ich, dass ich dieser Gnade teilhaftig geworden bin, die weitgehend vom persönlichen Schicksal und vom Verhalten der Nebenmenschen unabhängig macht. Aber diese Unabhängigkeit darf uns nicht blind machen gegen die Erkenntnis der Pflichten, die uns unaufhörlich an die frühere, gegenwärtige und zukünftige Menschheit binden.Seltsam erscheint unsere Lage auf dieser Erde. Jeder von uns erscheint da unfreiwillig und ungebeten zu kurzem Aufenthalt, ohne zu wissen, warum und wozu. Im täglichen Leben fühlen wir nur, dass der Mensch um anderer willen da ist, solcher, die wir lieben, und zahlreicher anderer, ihm Schicksalsverbundener Wesen.Oft bedrückt mich der Gedanke, in welchem Maße mein Leben auf der Arbeit meiner Mitmenschen aufgebaut ist, und ich weiß, wie viel ich Ihnen schulde.Ich glaube nicht an die Freiheit des Willens. Schopenhauers Wort: ‚Der Mensch kann wohl tun, was er will, aber er kann nicht wollen, was er will‘, begleitet mich in allen Lebenslagen und versöhnt mich mit den Handlungen der Menschen, auch wenn sie mir recht schmerzlich sind. Diese Erkenntnis von der Unfreiheit des Willens schützt mich davor, mich selbst und die Mitmenschen als handelnde und urteilende Individuen allzu ernst zu nehmen und den guten Humor zu verlieren.Nach Wohlleben und Luxus strebte ich nie und habe sogar ein gut Teil Verachtung dafür. Meine Leidenschaft für soziale Gerechtigkeit hat mich oft in Konflikt mit den Menschen gebracht, ebenso meine Abneigung gegen jede Bindung und Abhängigkeit, die mir nicht absolut notwendig erschien.[II. Teil] Ich achte stets das Individuum und hege eine unüberwindliche Abneigung gegen Gewalt und gegen Vereinsmeierei. Aus allen diesen Motiven bin ich leidenschaftlicher Pazifist und Antimilitarist, lehne jeden Nationalismus ab, auch wenn er sich nur als Patriotismus gebärdet. Aus Stellung und Besitz entspringende Vorrechte sind mir immer ungerecht und verderblich erschienen, ebenso ein übertriebener Personenkultus. Ich bekenne mich zum Ideal der Demokratie, trotzdem mir die Nachteile demokratischer Staatsform wohlbekannt sind. Sozialer Ausgleich und wirtschaftlicher Schutz des Individuums erschienen mir stets als wichtige Ziele der staatlichen Gemeinschaft. Ich bin zwar im täglichen Leben ein typischer Einspänner, aber das Bewusstsein, der unsichtbaren Gemeinschaft derjenigen anzugehören, die nach Wahrheit, Schönheit und Gerechtigkeit streben, hat das Gefühl der Vereinsamung nicht aufkommen lassen. Das Schönste und Tiefste, was der Mensch erleben kann, ist das Gefühl des Geheimnisvollen. Es liegt der Religion sowie allem tieferen Streben in Kunst und Wissenschaft zugrunde. Wer dies nicht erlebt hat, erscheint mir, wenn nicht wie ein Toter, so doch wie ein Blinder. Zu empfinden, dass hinter dem Erlebbaren ein für unseren Geist Unerreichbares verborgen sei, dessen Schönheit und Erhabenheit uns nur mittelbar und in schwachem Widerschein erreicht, das ist Religiosität. In diesem Sinne bin ich religiös. Es ist mir genug, diese Geheimnisse staunend zu ahnen und zu versuchen, von der erhabenen Struktur des Seienden in Demut ein mattes Abbild geistig zu erfassen.“ Albert Einstein, Zugriff am 27.06.2024 unter  https://einstein-website.de/glaubensbekenntnis/#:~:text=EINSTEINS%20GLAUBENSBEKENNTNIS,Liga%20f%C3%BCr%20Menschenrechte%2C%20auf%20Schallplatte.

Michael Schmidt-Salomon hat mir in seinem Buch «Jenseits von GUT und BÖSE» nicht nur die Augen dafür geöffnet, dass ich keinen freien Willen habe, er hat mir auch die Schönheit dieser Erkenntnis verständlich aufgezeigt, unteranderem eine neue ‘Leichtigkeit des Seins’:

  • Wer sich all dies hinreichend vergegenwärtigt, der wird die Welt mit anderen Augen betrachten und eine tiefe innere Ruhe erfahren, eine Leichtigkeit des Seins, die sich schwer in Worte fassen lässt. Falls Sie die Erfahrung nicht selbst schon gemacht haben: Versuchen Sie einmal sich vorzustellen, was es bedeutet, keine Schuldgefühle mehr zu kennen, keinen Stolz, keine Versagensangst, keine Furcht davor, sich vor anderen zu blamieren …» M.Schmidt-Salomon, 2012, S.213
  • „Wer es versteht, die Weisheit des Ostens mit der Weisheit des Westens zu verbinden, der wird jene brennende Geduld entwickeln, die notwendig ist, um im Kampf für eine bessere Welt nicht voreilig zu resignieren. Er wird an den Menschen zwar zweifeln, aber nicht verzweifeln, er wird jene, die die Menschenrechte missachten, bekämpfen, aber sich nicht moralisch über sie erheben. Denn er weiß: Es gibt kein Gut und Böse, sondern bloß ein Wohl und Wehe, und so wird er Nachsicht üben, selbst jenen gegenüber, die ihm aufgrund aggressiver Memplexe möglicherweise nach dem Leben trachten.“ M. Schmidt-Salomon, 2012, S.311
  • »Du kannst nichts dafür!« ist in diesem Sinne kein Aufruf zu fatalistischer Passivität, sondern vielmehr zu größerer Autonomie: Wer weiß, dass er nicht über den eigenen Schatten springen kann, der muss deshalb ja keineswegs dort stehen bleiben, wo er augenblicklich steht! Im Gegenteil! Gerade derjenige, der sich selbst verzeihen kann, der zu sein, der er ist, verfügt über die notwendige innere Gelassenheit, um sich selbst effektiv verändern zu können.“ M. Schmidt-Salomon, 2012, S.210-211
  • „Fazit dieser Überlegungen: Der Fatalismus ist keine logisch zwingende, sondern vielmehr eine logisch falsche Konsequenz aus dem Abschied von der Willensfreiheit. Die Tatsache, dass wir stets nur das wollen können, was wir aufgrund unserer spezifischen Erfahrungen wollen müssen, steht keineswegs im Widerspruch zu der für unser Freiheitsempfinden so wichtigen Intuition, dass die Zukunft offen ist. Vielmehr sind wir als lebende, Wohl und Wehe empfindende Wesen geradezu dazu determiniert, tagtäglich auf kreative Weise Probleme zu lösen, was den Fluss der Ereignisse immer wieder in neue Bahnen lenkt.“ M. Schmidt-Salomon, 2012, S.177-178

Und diese Erkenntnisse hat Michael Schmidt-Salomon meines Erachtens nicht nur meisterhaft aufs Papier gebracht, er lebt sie auch, mit seinem grossen Engagement für die Menschenrechte und die offene Gesellschaft durch seine Bücher oder auch sein Engagement in der Giordano-Bruno-Stiftung. In seinem Buch ‘Leibnitz war kein Butterkeks’ (2012, S.280) outet er sich auch, dass er privat via der Internetseite «thelifeyoucansave.or/take-the-pledge» das Versprechen abgegeben hat, sich an die dort vorgeschlagene Spendenformel zu halten.

Sam Harris spricht sich ebenfalls in seinem Buch «Free Will» und auch auf seiner App «Waking up» dezidiert gegen den freien Willen aus. Auch ihn hat diese Einsicht nicht von einem engagierten Leben abgebracht: Er hat meines Erachtens mehrere sehr wertvolle Bücher geschrieben. In «Lying» zeigt er auf, dass es selten bis fast nie sinnvoll ist zu lügen. In «The Moral Landscape» hat er ein aus meiner Sicht herausragendes Werk für eine rationale Ethik geschrieben und mit «Waking Up» zeigt er auf, dass unser «Ich» eine Illusion ist. In seinem Podcast «Making Sense», versucht er aktuelle Themen von Bedeutung zu verstehen und teilt diese mit uns. Mit seiner App «Waking Up», stellt er uns unglaublich wertvollen Inhalt zum Thema «Meditation» zur Verfügung und falls jemand aus finanziellen Gründen sich kein Abo leisten kann, schenkt er den Zugang gratis. Mit seinem Unternehmen hat er sogar den «FoundersPledge.com» unterschrieben.

  • “Speaking from personal experience, I think that losing the sense of free will has only improved my ethics—by increasing my feelings of compassion and forgiveness, and diminishing my sense of entitlement to the fruits of my own good luck. Is such a state of mind always desirable? Probably not. If I were teaching a self-defense class for women, I would consider it quite counterproductive to emphasize that all human behavior, including a woman’s response to physical attack, is determined by a prior state of the universe, and that all rapists are, at bottom, unlucky—being themselves victims of prior causes that they did not create. There are scientific, ethical, and practical truths appropriate to every occasion—and an injunction like “Just gouge the bastard’s eyes” surely has its place. There is no contradiction here. Our interests in life are not always served by viewing people and things as collections of atoms—but this doesn’t negate the truth or utility of physics. Losing a belief in free will has not made me fatalistic—in fact, it has increased my feelings of freedom. My hopes, fears, and neuroses seem less personal and indelible.” S. Harris, 2012, S.70-71
  • “Decisions, intentions, efforts, goals, willpower, etc., are causal states of the brain, leading to specific behaviors, and behaviors lead to outcomes in the world. Human choice, therefore, is as important as fanciers of free will believe. But the next choice you make will come out of the darkness of prior causes that you, the conscious witness of your experience, did not bring into being.” S. Harris, 2012, S.55

Für mich sind dies drei Menschen Vorbilder und es gibt bestimmt noch unzählige andere Beispiele an Menschen, die nicht an einen freien Willen glauben und deshalb weder fatalistisch noch offensichtlich unethisch unterwegs sind. Aber heisst dies, dass die Abkehr vom freien Willen automatisch zu einem engagierten und ethischen Leben führt? Oder dass der Glaube an einen freien Willen ein unethisches Leben bewirkt? Wahrscheinlich weder noch. Grundsätzlich möchte ich aber nicht an etwas Glauben, nur weil es mir besser gefällt oder ich es nicht verstehe. Glauben sollten wir nur dann an etwas, wenn wir überzeugende Argumente für diese Theorie haben, und überzeugende Argumente habe ich bisher erst gegen einen freien Willen gefunden, weshalb ich nicht an ihn glaube. Aber natürlich kann ich mich irren. Wenn wir hingegen keine guten Argumente für oder gegen eine Theorie haben, sollten wir die Grösse und Bescheidenheit haben zu sagen; ‘Ich weiss es nicht’, worauf mich Werner Hoffmann wundervoll in meinem Interview mit Ihm aufmerksam gemacht hat (Link zum Interview: https://youtu.be/RFZWBqgzN3A?si=cSMyoNBIhXBwUIdo).

18_

Ich empfehle dazu die App «Waking Up» von Sam Harris sehr und auch sein Buch mit demselben Namen, kann ich sehr empfehlen. Wertvoll finde ich auch das Kapitel «Rationale Mystik: Wie man die Weisheit des Ostens mit der des Westens verbindet» aus dem Buch «Jenseits von Gut und Böse» von Michael Schmidt-Salomon.

19_

«Das Problem, das mit dem »Prinzip der alternativen Möglichkeiten« verbunden ist, ist offensichtlich: Es verlangt einen Riss im universalen Kausalgefüge der Welt. Denn für materielle Körper (oberhalb der Quantenebene) gilt notwendigerweise, dass identische Ursachen auch identische Folgen nach sich ziehen. Wie also könnte sich eine natürliche Person X zum Zeitpunkt Y unter den just zu diesem Zeitpunkt vorherrschenden Bedingungen anders verhalten, als sie sich de facto verhält? Ein Mensch, der unter exakt gleichen Bedingungen (also identischen äußeren Reizen und inneren Verarbeitungsmustern!) sowohl Handlung A wie Handlung B durchführen könnte, wäre ein größerer Magier als alle David Copperfields der Erde zusammengenommen. Der Strafrechtler Eduard Kohlrausch fasste diesen Sachverhalt bereits vor einem Jahrhundert in die klassischen Worte: »… ein Mensch, der unter eindeutig gegebenen äußeren und inneren Umständen genauso gut so wie anders handeln könnte … gehört nicht ins Zuchthaus, auch nicht in eine Irrenanstalt, sondern in einen Glaskasten … auf dass ihn jeder anstaune als die abnormste und unbegreiflichste Bildung, die ein Menschenauge bisher geschaut hat.«26» M. Schmidt-Salomon, 2012, S.119-120

20_

In Anlehnung an folgendes Zitat: “I, as the conscious witness of my experience, no more initiate events in my prefrontal cortex than I cause my heart to beat.” S. Harris, 2012, S.22

21_

In Anlehnung an folgendes Zitat:

  • «Denn nach allem, was wir aus der (neuro-)wissenschaftlichen Forschung wissen, gibt es kein feststehendes „Ich“, das als „unbewegter Beweger“ über den körperlichen Prozessen schweben und losgelöst von natürlichen Ursachen Entscheidungen treffen könnte. (Dies erklärt auch, warum Menschen bei einer degenerativen Hirnerkrankung wie Alzheimer ihre Persönlichkeit verlieren und nicht mehr in der Lage sind, die Entscheidungen zu treffen, die sie vor dem Beginn der Erkrankung getroffen hätten.) Die Art und Weise, wie wir denken, empfinden, urteilen, die Welt wahrnehmen, ist nun einmal ein Produkt von biologischer Anlage und kultureller Erfahrung. Das heisst auch: Wer es nie gelernt hat, homosexuelle Menschen als gleichwertige Gesellschaftsmitglieder zu verstehen, sondern bereits mit der kulturellen Muttermilch schwulenfeindliche Ressentiments in sich aufgenommen hat, ist gar nicht in der Lage, seine Vorurteile zu überwinden. Wir alle können eben nur so klug, so human, so weltoffen sein, wie wir es aufgrund unserer jeweiligen Anlagen und Erfahrungen sein müssen. Alber Einstein sah in dieser Erkenntnis eine „unerschöpfliche Quelle der Toleranz»- und hatte damit zweifellos recht. Denn der moralische Vorwurf, den wir gegenüber jenen erhaben, die uns als „inhuman“ oder „borniert“ erscheinen, verliert sofort an Impetus, wenn wir erkennen, dass die derart Kritisierten vor dem Hintergrund ihrer Lebensgeschichte gar nicht die Möglichkeit besassen, anders zu sein, als sie es de facto sind. Wer sich dieser Tatsache bewusst ist, dem fällt es sehr viel leichter, die Kunst der zivilisierten Verachtung zu praktizieren, also Nachsicht gegenüber Menschen walten zu lassen, deren Einstellungen keinerlei Nachsicht verdienen.» M. Schmidt-Salomon, 2016, S.94-95

22_

Max-Planck-Gesellschaft (Stand 25.06.2023): https://www.mpg.de/gehirn#:~:text=Schlie%C3%9Flich%20sitzen%20bis%20zu%2010.000,die%20weit%20voneinander%20entfernt%20sind.

23_

  • «Schätzungen zufolge dringen weniger als 0,1 Prozent sämtlicher Hirnaktivitäten in unser Bewusstsein vor.41 Über 99,9 Prozent aller Gehirnaktivitäten entziehen sich unserer Wahrnehmung» M. Schmidt-Salomon, 2012, S.131

24_

  • Wer mit sich selbst Frieden schließen will, der sollte sein Selbst nicht zu ernst nehmen! Hierzu besteht bei genauerer Betrachtung auch gar keine Veranlassung, schließlich ist dieses Ich, an das wir uns so verzweifelt klammern und das uns als so ungemein bedeutsam erscheint, nur ein virtuelles Theaterstück, das von einem blumenkohlförmigen Organ in unserem Schädel auf der Basis genetischer und memetischer Kopiervorlagen inszeniert wird! Sollte man einem solchen neuronalen Artefakt wirklich mit „heiligem Ernst“ gegenübertreten? Bestimmt nicht!“ M. Schmidt-Salomon, 2012, S.214
  • „Die moderne Hirnforschung zeichnet ein Bild vom Menschen, das unserer Intuition zuwiderläuft. So meinen wir, über unser Gehirn ähnlich verfügen zu können wie über andere Körperteile. Wir sagen etwa: »Schalt doch mal dein Hirn ein!«, wenn jemand offensichtlichen Unsinn daherredet. Bei genauerer Betrachtung beruhen derartige Redewendungen jedoch auf einer kolossalen Verdrehung der Tatsachen. Denn es ist keineswegs so, dass das Gehirn in irgendeiner Weise abhängig wäre vom »Ich«. Es ist umgekehrt: Das »Ich« ist eine Konstruktionsleistung des Gehirns.“ M. Schmidt-Salomon, 2012, S.110
  • »Gerhard Roth schreibt: «Ohne die Möglichkeit zu virtueller Wirklichkeit und zu virtuellem Handeln könnte das Gehirn nicht diejenigen komplexen Leistungen vollbringen, die es vollbringt. Die Wirklichkeit und ihr Ich sind Konstruktionen, welche das Gehirn in die Lage versetzen, komplexe Informationen zu verarbeiten, neue, unbekannte Situationen zu meistern und langfristige Handlungsplanung zu betreiben. Wir sehen dies an der … Entwicklung des Kindes: das Kleinkind verfügt über bestimmte Formen des Bewusstseins, z. B. ein Wahrnehmungsbewusstsein, Aufmerksamkeit, ein Emotionsbewusstsein – Bewusstseinsformen, die sich auch bei anderen Primaten oder anderen Säugetieren finden … Aber erst die Entwicklung eines selbstbewussten Ich macht den Menschen zu einem hochflexiblen Akteur.«45» M. Schmidt-Salomon, 2012, S.134
  • „Wir erkennen daran, dass das virtuelle Ich, das sich kontrafaktisch als Besitzer eines Körpers und unabhängigen Urheber aller Handlungen wähnt, keine Naturgegebenheit ist. Vielmehr handelt es sich hierbei um einen kulturell sich überaus erfolgreich kopierenden Memplex, das heißt um eine fiktionale Geschichte, die uns im Verlauf unserer individuellen Entwicklung so lange erzählt wird, bis wir sie so sehr verinnerlicht haben, dass wir in unserem Denken, Handeln und Empfinden ganz selbstverständlich von der realen Existenz des uns bloß angedichteten Ichs ausgehen.“ M. Schmidt-Salomon, 2012, S.136

25_

  • »Singers Bremer Kollege, Gerhard Roth, stiess ins gleiche Horn: »Das bewusste, denkende und wollende Ich ist nicht im moralischen Sinne verantwortlich für dasjenige, was das Gehirn tut, auch wenn dieses Gehirn ›perfiderweise‹ dem Ich die entsprechende Illusion verleiht … Das Gefühl der persönlichen Schuld, das wir häufig empfinden, wenn wir etwas Unrechtes getan haben, resultiert aus der irrtümlichen Annahme, wir als bewusstes Ich hätten das Unrecht verursacht … Was eine Person tut, ist neben genetischen Faktoren im Wesentlichen das Produkt eines Lernprozesses, vermittelt durch das Limbische System. Dieses System bewertet … alles nach gut/angenehm und schlecht/unangenehm. Es bestimmt die Handlungen nicht danach, was das bewusste Ich will, sondern danach, ob dieselben oder ähnliche Handlungen positive oder negative Konsequenzen hatten und deshalb wiederholt oder vermieden werden sollen.15»» M. Schmidt-Salomon, 2012, S.114-115

26_

  • „Wer für die klassische Idee der Willensfreiheit eintrete, so Schopenhauer 150 Jahre vor Roth und Singer, der verlasse den Bereich der logischen Argumentation. Die Idee des freien Willens sei schlichtweg undenkbar. Doch wenn sie undenkbar ist, warum bestimmt sie dennoch so sehr das Denken und Handeln der Menschen? Schopenhauers Antwort: Weil die Menschen aus dem Erleben von Handlungsfreiheit, nämlich der Freiheit, tun zu können, was man will, auf die Existenz von Willensfreiheit schließen, also der Freiheit, auch beliebig wollen zu können, was man will.“ M. Schmidt-Salomon, 2012, S.117
  • „Denn die Freiheit, die wir meinen, wenn wir diesen Begriff emphatisch benutzen, ist stets eine Freiheit des Tuns, das heißt eine Handlungsfreiheit. Frei sein bedeutet, tun zu können, was man will – es bedeutet nicht, zu einem bestimmten Zeitpunkt etwas anderes wollen zu können als das, was man will. Wer für Freiheit kämpft, der versucht, innere und äußere Zwänge zu überwinden, die Handlungsfreiheiten einschränken. Niemand wird seine »Freiheit« ernsthaft in der Ursachenlosigkeit seines Willens erblicken, in dessen Loslösung von äußeren Reizen und inneren, neuronalen Verarbeitungsmustern, also in jenen Fiktionen, die mit der Idee der Willensfreiheit notwendigerweise verbunden sind.“ M. Schmidt-Salomon, 2012, S.122

27_

  • »Du kannst tun, was du willst: aber du kannst, in jedem gegebenen Augenblick deines Lebens, nur a Bestimmtes wollen und schlechterdings nichts Anderes, als dieses Eine.«31 Wenn diese Aussage richtig ist (und ich wüsste kein vernünftiges Argument, das sie entkräften könnte!), so müssen wir uns fragen, welche Konsequenzen aus diesem Sachverhalt zu ziehen sind. M. Schmidt-Salomon, 2012, S.120
  • “You are not in control of your mind—because you, as a conscious agent, are only part of your mind, living at the mercy of other parts.15 You can do what you decide to do—but you cannot decide what you will decide to do.” S. Harris, 2012, S.60

28_

  • „Wir müssen an dieser Stelle zwischen Schuld– und Reuegefühlen sowie zwischen einem objektiven, ethischen beziehungsweise juristischen und einem subjektiven, moralischen Schuldbegriff unterscheiden. Wenn X vorsätzlich einen Mord aus Habgier beging, so ist er objektiv schuldig beziehungsweise verantwortlich, da er gegen eine juristische Basisnorm verstieß, die das friedliche Zusammenleben in einer Gesellschaft garantiert. Diese objektive Verantwortung bleibt unangetastet davon, dass X im moralischen Sinne nicht verantwortlich war, da er zum Zeitpunkt der Tat nichts anderes wollen konnte, als eben diesen Mord zu begehen. Wenn es in diesem Buch heißt, dass wir unschuldig sind, so ist dies ausschließlich in jenem (a)moralischen Sinne gemeint: Moralische Schuld kann es nicht geben, da die hierfür notwendigen Voraussetzungen von keinem Menschen erfüllt werden. In einem objektiven, ethischen oder juristischen Sinne existiert Schuld (oder besser: objektive Verantwortung!) jedoch sehr wohl!“ M. Schmidt-Salomon, 2012, S.215
  • „Eine (naturalistische) ethische Argumentation hingegen kann auf solch problematische Annahmen verzichten, weil sie prinzipiell nur nach der objektiven Verantwortbarkeit potenzieller oder bereits realisierter Taten fragt, nicht nach der subjektiven Verantwortung (also der Willensfreiheit) der Täter. Wir müssen nicht unterstellen, dass Hitler, Stalin, Konstantin der Große oder Papst Innozenz III. sich aus »freien Stücken« zu ihren Untaten entschlossen haben, um diese ethisch verurteilen zu können. Die (a)moralische Entschuldigung der Täter (»Hitler, Stalin & Co. konnten sich unter den gegebenen Bedingungen nicht anders verhalten, als sie es taten«) läuft also keineswegs auf eine ethische Rechtfertigung ihrer Taten heraus!“ M. Schmidt-Salomon, 2012, S.198-199
  • „Wenn wir anerkennen, dass selbst die übelsten Verbrecher der Geschichte in dem Sinne unschuldig waren, dass sie unter Voraussetzung der Gültigkeit der Naturgesetze schlichtweg nicht anders handeln konnten, als sie gehandelt haben, so heißt das nicht, dass wir ihre Taten in irgendeiner Weise tolerieren oder gar gutheißen müssten.“ 2012, S.200

29_

  • „Das Universum scheint weder gutartig noch feindlich zu sein, sondern lediglich gleichgültig.“ Carl Sagan (aus dem Englischen übersetzt:  https://www.goodreads.com/quotes/66626-the-universe-seems-neither-benign-nor-hostile-merely-indifferent) Zugriff am 30.06.2024
  • «Wer sich die immer wieder stattfindenden globalen Katastrophen der Erdgeschichte vor Augen führt, begreift: Die Natur ist nicht »gut« – und der Mensch nicht »böse«.« M. Schmidt-Salomon, 2024, S.326
  • »Zudem ist uns neben der räumlichen auch die zeitliche Begrenzung unserer Spezies bewusst geworden: Wir wissen, dass die durchschnittliche Lebensdauer irdischer Arten bei etwa vier Millionen Jahren liegt und dass 99 Prozent aller Spezies, die jemals auf der Erde lebten, inzwischen ausgestorben sind (was ein weiterer Hinweis für die Absurdität der Rede von der «Bewahrung der Schöpfung» ist).» M. Schmidt-Salomon, 2014, S.325
  • «Gerechtigkeit ist ein Massstab, den wir ethisch denkenden Tiere intuitiv an die Natur anlegen, der in der biologischen Evolution aber keine Rolle spielt. Dass einige Arten aufsteigen, während andere vom Erdboden verschwinden, dass einige Lebewesen sich prächtig entwickeln, während andere ein kurzes, trostloses Dasein fristen, hat nichts mit Gerechtigkeit zu tun, es resultiert vielmehr aus den blinden Mechanismen der Evolution, die keinerlei Mitleid kennen, keine Gnade, keinen Heilsplan.» M. Schmidt-Salomon, 2014, S.29

30_

  • „Wer sich die immer wieder stattfindenden globalen Katastrophen der Erdgeschichte vor Augen führt, begreift: Die Natur ist nicht »gut« – und der Mensch nicht »böse«. Solche moralisierenden Kategorien verbieten sich ohnehin, wenn man die Entwicklung der Erde sowie die Entwicklung der menschlichen Zivilisation »im Lichte der Evolution« (Huxley) betrachtet. Damit entfallen auch die moralischen Schuldvorwürfe, die heute gegenüber früheren Generationen erhoben werden. Erinnern wir uns an den prägnanten Satz von Marx: »Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken.« Tatsächlich hatten die Menschen der Vergangenheit unter den damals vorherrschenden sozio-ökonomischen Bedingungen gar nicht die Möglichkeit, auf die Verbrennung fossiler Brennstoffe zu verzichten. Mehr noch: Nur aufgrund dieses (aus heutiger Sicht) klimaschädlichen Verhaltens, konnten sich im Zuge der Ausdifferenzierung der Gesellschaften die modernen Wissenschaften entwickeln, mit deren Hilfe wir die Ursachen von Klimaveränderungen überhaupt erst nachvollziehen können. Etwas provokanter formuliert: Statt die vorangegangenen Generationen zu beschuldigen, sollten wir ihnen dankbar sein, dass sie uns (möglicherweise) gerade noch im richtigen Moment in die Lage versetzt haben, geeignete Maßnahmen zu ergreifen, um nicht nur menschengemachte, sondern auch von Menschen unabhängige Katastrophen (Supereruptionen, Kometeneinschläge, neue Kaltzeiten etc.) zu verhindern. Denn es sollte klar sein: »Im Lichte der Evolution« betrachtet bietet derzeit nur der Mensch eine halbwegs realistische Chance darauf, dass höher entwickelte (bewusstseins- und empfindungsfähige) Lebewesen dauerhaft auf diesem Planeten existieren werden. Der nächste Asteroiden- oder Kometeneinschlag kommt bestimmt – und er könnte noch verheerendere Folgen haben als der Impact vor 66 Millionen Jahren, der das Ende der Dinosaurier einleitete.» M. Schmidt-Salomon, 2024, S.326-327
  • „Die Biosphäre ist schließlich ein düsterer Ort. Sie ist voll von Plünderung, Täuschung, Eroberung, Versklavung, Verhungern und Vernichtung.“ D. Deutsch, 2021, S.413
  • «Wir sind nicht Teil einer gut gemeinten, gut gemachten «Schöpfung», die ohne den zerstörenden Zugriff des Menschen «heil» wäre, sondern eines hochsensiblen, verletzlichen Ökosystems, das ohne Einsatz menschlicher Technologie von vornherein dem Untergang geweiht ist.» M. Schmidt-Salomon, 2014, S.312
  • „Diese Ungerechtigkeit der Natur ist eine der verstörendsten Tatsachen, mit denen wir konfrontiert sind – zumal wir sie auch im kulturellen Rahmen bislang nicht wirklich aufheben können. Man denke nur an die Naturgewalten, denen wir immer wieder ausgeliefert sind: Allein im letzten Jahrzehnt starben Hunderttausende von Menschen, weil sie von Erdbeben begraben, von riesigen Flutwellen hinweggespült oder mit todbringenden Viren infiziert wurden. Dass es die einen traf, die anderen nicht, hatte keinen vernünftigen Grund, keinen tieferen Sinn, sondern war allein Ausdruck des blinden Waltens von Zufall und Notwenigkeit – ein Walten, das völlig gleichgültig ist gegenüber unseren Hoffnungen, Ängsten und ethischen Empfindungen.» M. Schmidt-Salomon, 2014, S.29-30
  • „Heute wird fast die gesamte Kapazität des ›Lebenserhaltungssystems der Erde für den Menschen‹ nicht für uns, sondern von uns bereitgestellt, indem wir unsere Fähigkeit zur Schöpfung neuen Wissens nutzen. Es gibt heute Menschen im Großen Afrikanischen Grabenbruch, die dank ihres Wissens über Werkzeuge, Landwirtschaft und Hygiene weitaus komfortabler und in deutlich größerer Zahl leben als die frühzeitlichen Menschen. Die Erde hat zwar die Rohmaterialien für unser Überleben geliefert – so wie die Sonne die Energie und Supernovae die Elemente und so weiter geliefert haben –, aber ein Haufen Rohmaterialien ist nicht dasselbe wie ein Lebenserhaltungssystem. Es erfordert Wissen, um das eine in das andere umzuwandeln, und die biologische Evolution hat uns nie genug Wissen zum Überleben, geschweige denn zum Gedeihen bereitgestellt. In dieser Hinsicht unterscheiden wir uns von fast allen anderen Arten, denn alles Wissen, das sie brauchen, ist genetisch in ihren Gehirnen verschlüsselt. Dieses Wissen wurde ihnen in der Tat von der Evolution bereitgestellt – und damit im relevanten Sinne ›von der Biosphäre‹.“ David Deutsch, S.78
  • „Die Biosphäre ist also nicht in der Lage, menschliches Leben zu erhalten. Von Anfang an war es lediglich menschliches Wissen, das den Planeten auch nur annähernd bewohnbar machte, und die seither enorm gestiegene Kapazität unseres Lebenserhaltungssystems (sowohl in Bezug auf unsere Zahl als auch auf unsere Sicherheit und Lebensqualität) ist ausschließlich auf die Schöpfung menschlichen Wissens zurückzuführen. In dem Maße, in dem wir uns auf einem ›Raumschiff‹ befinden, waren wir nie lediglich dessen Passagiere noch (wie oft gesagt wird) seine Steuermänner und noch nicht einmal sein Wartungspersonal: Wir sind seine Designer und Baumeister. Vor den von Menschenhand geschaffenen Designs war es kein Transportmittel, sondern nur ein Haufen gefährlicher Rohmaterialien. Die Metapher der ›Passagiere‹ ist auch in einem weiteren Sinne ein Irrglaube. Sie suggeriert, der Mensch habe zu einem früheren Zeitpunkt ohne Probleme gelebt: als er wie ein Passagier versorgt worden sei, ohne zum Überleben und Gedeihen selbst einen Fluss an Problemen lösen zu müssen. Tatsächlich aber standen unsere Vorfahren trotz ihres kulturellen Wissens immer wieder vor verheerenden Problemen, wie etwa der Frage, wo die nächste Mahlzeit herkommen sollte, und in der Regel lösten sie diese Probleme nur mit Mühe und Not, oder sie starben. Es gibt nur sehr wenige Fossilien von alten Menschen. Die moralische Komponente der Metapher vom Raumschiff Erde ist daher ein wenig paradox. Sie stellt den Menschen in einem Licht dar, in dem er undankbar für Gaben erscheint, die er in Wirklichkeit nie erhalten hat. Alle anderen Arten stellt sie dagegen in einem Licht dar, in dem sie eine moralisch positive Rolle im Lebenserhaltungssystem des Raumschiffs spielen und der Mensch der einzig schlechte Akteur ist. Doch der Mensch ist ein Teil der Biosphäre, und das angeblich unmoralische Verhalten ist identisch mit dem aller anderen Arten in guten Zeiten – mit der Ausnahme, dass nur der Mensch versucht, die Auswirkungen seines Verhaltens auf seine Nachkommen und auf andere Arten zu mindern. » D. Deutsch, 2021, S.78-79

31_

  • «Betrachten wir zur Verdeutlichung das Beispiel des Infantizids (Kindstötung): Bei den Berggorillas fallen mehr als ein Drittel (!) des Nachwuchses bis zum Alter von 3 Jahren Kindstötungen zum Opfer.155 Grund: Durch den Infantizid steigen die Fortpflanzungschancen des tötenden Männchens. Dieses für unsere Vorstellungen zutiefst unethische Verhalten findet sich nicht nur bei Gorillas, sondern auch bei solch unterschiedlichen Tierarten wie Dungkäfern, Fischen, Amphibien, Mäusen, Löwen, Kamelen oder Pferden.156 Und es sind nicht nur die ohnehin als aggressiv verschrienen Männchen, die sich über Kindstötungen Vorteile im evolutionären Wettstreit um das genetische Überleben verschaffen: Weibliche Erdhörnchen, Mungos, Dingos, Wildhunde oder Krallenaffen beseitigen auf ähnliche Weise »unliebsame Konkurrenz eigener Kinder um Nahrung, Ruheplätze und Fortpflanzungspartner«.157» M. Schmidt-Salomon, 2016, S.94-95

32_

Wikipediaeintrag zu «Mensch»: Stand 25.06.2024 https://de.wikipedia.org/wiki/Mensch

33_

95 Prozent ist eine sehr grobe Berechnung von mir. Wenn wir die ersten Menschen vor 300 000 Jahren datieren und ich gemäss Wikipedia davon ausgehen, dass die Kupfersteinzeit (Start Verwendung von Metall) vor etwa 7500 Jahren begann, dann stehen uns ca. 2.5 Prozent unserer Zeit mehr als Steinwerkzeuge zur Verfügung. Ich habe dann auf 95% gerundet 😉

34_

  • »Wie verhältnismässig langsam die kulturelle Evolution am Anfang voranschritt, lässt sich daran ermessen, dass vom Beginn der Neolithischen Revolution (vor rund 11 000 Jahren) bis zur Erfindung der Schrift mehrere Jahrtausende vergingen. Erst vor rund 6000 Jahren tauchten komplexere Schriftsysteme auf vor 3500 Jahren (also etwa 1500 Jahre v. u. Z.) entstand das erste Alphabet – ein einschneidendes Ereignis in der menschlichen Kulturgeschichte, denn nun konnten Inhalte über Raum und Zeit hinweg konserviert werden, unterlagen also nicht mehr dem «Stille-Post-Prinzip» der mündlichen Überlieferung.» M. Schmidt-Salomon, 2014, S.66

35_

  • «Ein zu Recht immer wieder herausgehobenes Beispiel für den zweiten Fall ist die Erfindung des modernen Buchdrucks durch Johannes Gutenberg (um 1400-1468). Innerhalb weniger Jahrzehnte entstanden damals Druckereinen in ganz Europa. Die Möglichkeit, Texte schnell und kostengünstig zu verbreiten, löste eine regelrechte Bildungsrevolution aus.» M. Schmidt-Salomon, 2014, S.67

36_

  • „Wissenschaft ist ein weithin erfolgreicher Versuch, die Welt zu verstehen, die Dinge und uns selbst in den Griff zu bekommen, einen sicheren Kurs zu steuern. Heute liefern Mikrobiologie und Meteorologie eine Erklärung für das, was noch vor wenigen Jahrhunderten ausreichte, um Frauen zu verbrennen.“ C. Sagan, 1997, S.47
  • „Fortschritte in der Medizin und in der Landwirtschaft haben weitaus mehr Menschenleben gerettet, als sämtliche Kriege in der Geschichte gefordert haben. “C. Sagan, 1997, S.29
  • „Die wissenschaftlichen Behandlungsmethoden sind hundert- oder tausendmal besser als die Alternativen. (Und selbst wenn die Alternativen zu funktionieren scheinen, wissen wir eigentlich nicht, ob sie irgendeine Rolle gespielt haben: Eine spontane Besserung, sogar bei Cholera und Schizophrenie, kann sich auch ohne Gebet und Psychoanalyse einstellen.) Die Wissenschaft aufgeben heißt viel mehr aufgeben als Klimaanlagen, CD-Spieler, Haartrockner und schnelle Autos. In den Zeiten vor der Ackerbaukultur, bei den Jägern und Sammlern, betrug die Lebenserwartung des Menschen etwa zwanzig bis dreißig Jahre. Das war auch in Westeuropa in spätrömischer Zeit und im Mittelalter nicht anders. Erst um 1870 stieg sie auf vierzig Jahre an. 1915 betrug sie fünfzig, 1930 sechzig, 1955 siebzig Jahre, heute liegt sie bei rund achtzig Jahren (etwas mehr bei Frauen, etwas weniger bei Männern). Die übrige Welt folgt dem Beispiel Europas. Was hat diese erstaunliche, beispiellose humanitäre Entwicklung bewirkt? Die Theorie der bakteriellen Entstehung von Krankheiten, die öffentliche Gesundheitsfürsorge, die Arzneimittelherstellung und die Medizintechnik. Langlebigkeit ist vielleicht das beste Maß für die körperliche Lebensqualität. (Wenn Sie tot sind, können Sie nichts mehr tun, um glücklich zu sein.) Dies ist ein kostbares Angebot der Wissenschaft an die Menschheit: nichts Geringeres als das Geschenk des Lebens.“ C. Sagan, 1997, S.26-27

37_

Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte ist wahrscheinlich die bisher grösste Errungenschaft der Menschheit und es ist unsere grosse Aufgabe dabei mitzuhelfen, dass JEDEM Menschen diese Rechte zukommen. Zusätzlich müssen wir auch dafür sorgen, dass wir unseren nahen und fernen Verwandten, den anderen Tieren, die ihren Bedürfnissen entsprechenden Rechte zukommen lassen. Wir Menschen haben nicht nur die Fähigkeit für unsere eigene Art, sondern auf für andere Arten zu denken und zu fühlen, was mich hoffen lässt. Auf beiden Gebieten haben wir leider noch sehr viel Verbesserungspotenzial.

Allgemeine Erklärung der Menschenrechte: https://www.un.org/depts/german/menschenrechte/aemr.pdf Zugriff am 27.06.2024

38_

Ich empfehle zu diesem Thema sehr das Buch «Die Grenzen der Toleranz» von Michael Schmidt-Salomon. Hier seine Definition einer offenen Gesellschaft und anschliessend noch ein Zitat, welches wunderschön die Gemeinsamkeiten von Wissenschaft und Demokratie verdeutlicht:

  • «Definition »offene Gesellschaft« Der Begriff »offene Gesellschaft« kennzeichnet Gemeinschaften, die nicht nur funktionstüchtige Institutionen zur Absicherung der »freiheitlich-demokratischen Grundordnung« entwickelt haben (Gewaltenteilung, Rechtsbindung, freie Wahlen, freie Meinungsbildung), sondern zudem auch noch in besonderem Maße durch die Prinzipien des Liberalismus, Egalitarismus, Individualismus und Säkularismus geprägt sind. Dies heißt umgekehrt: Je stärker Gemeinschaften von Paternalismus (staatlicher Bevormundung), Elitarismus (sozialer Ungleichheit), Kollektivismus (Betonung von Gruppenidentitäten) und Fundamentalismus (religiöser Normbegründung) bestimmt sind, desto eher handelt es sich um »geschlossene Gesellschaften«. M. Schmidt-Salomon, 2016, S.122
  • „Die Werte der Wissenschaft und die Werte der Demokratie gleichen sich und können in vielen Fällen nicht unterschieden werden. Wissenschaft und Demokratie entstanden – in ihren zivilisierten Erscheinungsformen – zur selben Zeit und am selben Ort: im Griechenland des 7. und 6. Jahrhunderts v. Chr. Wissenschaft verleiht jedem Macht, der sich Mühe gibt, sie zu erlernen (allerdings sind zu viele Menschen systematisch daran gehindert worden). Wissenschaft gedeiht durch den freien Austausch von Ideen, ja, sie setzt ihn geradezu voraus – ihre Werte zielen auf das Gegenteil von Geheimhaltung ab. Wissenschaft ist an keine speziellen Ausgangspunkte oder privilegierten Positionen gebunden. Wissenschaft wie Demokratie fördern unkonventionelle Meinungen und den leidenschaftlichen Diskurs. Beide bestehen auf einem angemessen vernünftigen Denken, schlüssigen Argumentationsweisen, rigorosen Maßstäben der Beweisführung und der Aufrichtigkeit. Wissenschaft stellt eine Möglichkeit dar, jene auf die Probe zu stellen, die Wissen nur vorspiegeln. Sie ist ein Bollwerk gegen Mystizismus, gegen Aberglauben, gegen die Religion, wenn sie sich dort einmischt, wo sie nichts verloren hat. Wenn wir uns an ihre Werte halten, kann sie uns sagen, wann wir belogen werden. Sie korrigiert uns, wenn wir Fehler begehen. Je weiter verbreitet ihre Sprache, Regeln und Methoden sind, desto größer ist unsere Chance, das zu bewahren, was Thomas Jefferson und den anderen Vätern der amerikanischen Verfassung vorschwebte.“ C. Sagan, 1997, S.63-64

39_

  • „Dass Fortschritt sowohl möglich als auch wünschenswert ist, stellt vielleicht den Kerngedanken der Aufklärung dar. Er treibt alle kritischen Traditionen wie auch das Prinzip der Suche nach guten Erklärungen an. Jedoch kann er auf zwei fast entgegengesetzte Weisen interpretiert werden, die beide irritierenderweise als ›Vervollkommnungsfähigkeit‹ bezeichnet werden. Laut der einen können Menschen oder menschliche Gemeinschaften einen Zustand vermeintlicher Vollkommenheit erreichen – wie das buddhistische oder hinduistische ›Nirwana‹ oder auch verschiedene politische Utopien. Laut der anderen kann jeder erreichbare Zustand beliebig verbessert werden. Der Fallibilismus schließt die erste Position zugunsten der zweiten aus. Weder das menschliche Dasein im Einzelnen noch unser erklärendes Wissen im Allgemeinen werden jemals vollkommen oder auch nur annähernd vollkommen sein. Wir werden immer am Anfang der Unendlichkeit stehen.“ D. Deutsch, 2021, S.94
  • „Aber die Geschichte der Wissenschaften lehrt, daß wir uns bestenfalls eine sukzessive Verbesserung unseres Wissensstandes erhoffen können, indem wir aus unseren Fehlern lernen – eine asymptotische Annäherung an das Universum unter dem Vorbehalt, daß uns absolute Gewißheit immer versagt bleiben wird.  Wir werden stets fehlbar sein. Jede Generation kann bestenfalls hoffen, die Fehlermarken ein wenig zu verkleinern und den Datenbestand zu erweitern, auf den sich Fehlermarken beziehen.“ C. Sagan, 1997, S.50

40_

Im folgenden Zitat zeigt Michael Schmidt-Salomon wundervoll auf, was meines Erachtens relativistisches Denken leider oft übersieht:

  • „Sosehr uns die kulturellen Memplexe auch voneinander trennen mögen, es ist die menschliche Natur, die uns miteinander verbindet. Wir alle brauchen saubere Luft zum Atmen, brauchen Nahrung, um unseren Stoffwechsel aufrechtzuerhalten. Wir alle empfinden Schmerz, wenn man uns verletzt, und Freude, wenn wir uns einen lang gehegten Wunsch erfüllen können. Wir alle lachen, weinen, lieben, hoffen, trauern. Kurzum: Wir alle kennen Wohl und Wehe. Und genau dies ist der Grund, warum der Relativismus im konkreten Lebensvollzug scheitert.: Es ist eben nicht beliebig, welche Werte und Normen das Zusammenleben der Menschen bestimmen! Der Feyerabendschen Maxime «Anything goes!» könnten Computerprogramme folgen, nicht aber Menschen aus Fleisch und Blut. Da es uns als Wohl und Wehe empfindende Wesen nicht gleichgültig ist, was mit uns und allen anderen, um die wir uns sorgen geschieht, können uns unterschiedliche Normsetzungen auch nicht als gleich gültig erscheinen“ M. Schmidt-Salomon, 2012, S.191

41_

  • „Wenn ich vom Paradigma der Unschuld ausgehe und weiß, dass ich nichts dafür kann, dass ich diesem oder jenem Irrtum aufsitze, so kann ich eine Diskussion weit gelassener angehen. Ich habe schließlich nicht mehr zu verlieren als meine Denkfehler, von denen ich mich besser heute als morgen verabschiede. Wenn ich gelernt habe, mich selbst nicht mehr so schrecklich wichtig zu nehmen, so kann ich Argumenten, die mich infrage stellen, vorurteilsfreier begegnen. Ich werde ein Gespräch unter dieser Voraussetzung auch nicht mehr als Gelegenheit begreifen, den anderen mit festgezurrten Überzeugungen zu indoktrinieren, sondern darauf hinarbeiten, mit ihm gemeinsam bessere Lösungen zu entwickeln, die über das hinausgehen, was sowohl er als auch ich zuvor als richtig erachteten.“ M. Schmidt-Salomon, 2012, S.265
en_GBEN