{"id":566,"date":"2024-07-01T08:21:11","date_gmt":"2024-07-01T08:21:11","guid":{"rendered":"https:\/\/luttai.com\/?p=566"},"modified":"2025-12-07T19:12:43","modified_gmt":"2025-12-07T19:12:43","slug":"21-was-ist-aufklaerung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/luttai.com\/en\/21-was-ist-aufklaerung\/","title":{"rendered":"#21 What is enlightenment?"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr eine Aufkl\u00e4rung ohne ungerechtfertigte Schuldzuschreibungen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Aufkl\u00e4rung ist der Ausgang des Menschen aus seiner unverschuldeten Unwissenheit und des daraus resultierenden Leides. Unwissenheit ist der Naturzustand des Menschen. Unverschuldet ist dieser, weil jeder Mensch unwissend und ohne freien Willen in eine nicht von sich aus wohlwollende Welt geboren wird. Zu Leid f\u00fchrt Unwissenheit, weil die Ursachen von Leid und\/oder leidmindernde L\u00f6sungswege nicht bekannt sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Prozess der Aufkl\u00e4rung sind wir Menschen durch \u201akreativ-kritisches Denken\u2018 daran immer bessere Erkl\u00e4rungen und L\u00f6sungswege zu entdecken, um uns aus der Unwissenheit und dem Leid zu befreien.<\/p>\n\n\n\n<p>Habe das Verst\u00e4ndnis und die Nachsicht, dass kein Mensch besser sein kann als er ist. Habe aber auch den begr\u00fcndeten Glauben an jeden Menschen und die gesamte Menschheit, besser zu werden, als wir sind. Und habe dazu die Offenheit und den Mut, Kritik als Geschenk zu empfangen und selbst Kritik zu schenken, um gemeinsam eine bessere Welt zu schaffen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201aMiteinander statt gegeneinander\u2019 k\u00f6nnte deshalb ein Wahlspruch sein f\u00fcr eine realistischere, nicht anschuldigende Aufkl\u00e4rung im 21.Jahrhundert.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Aufkl\u00e4rung, vom Gegeneinander zum Miteinander<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\u201cSapere Aude! Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!<sup>1<\/sup>\u201d schrieb Immanuel Kant 1784 in seinem ber\u00fchmten Text \u201eBeantwortung der Frage: Was ist Aufkl\u00e4rung\u201d. Ich liebe diesen Aufruf, denn er weist auf einen Kernaspekt aufkl\u00e4rerischen Denkens hin, der \u00dcberzeugung, dass jeder von uns keiner Autorit\u00e4t und keiner Theorie blind vertrauen sollte, sondern selbst versucht alles kritisch zu hinterfragen und zu verstehen<sup>2<\/sup>. So betrachte ich denn Aufkl\u00e4rung auch nicht als eine Zeitepoche, sondern als eine Art zu denken und zu handeln. Eine Kombination aus \u201akreativem und kritischem Denken<sup>3\u2018<\/sup> mit dem Ziel die Welt immer besser zu verstehen, um in der Lage zu sein, lebensfreundlichere Zust\u00e4nde f\u00fcr uns Menschen und andere empfindsame Wesen zu realisieren<sup>4<\/sup>. Es ist die zugleich bescheidene, wie auch hoffnungsvolle Erkenntnis, dass wir erst einige Tropfen kennen, wir selbst diese hin und wieder kritisch hinterfragen sollten und ein Ozean der Erkenntnisse und M\u00f6glichkeiten noch auf uns wartet<sup>4<\/sup>. Dies erh\u00f6ht unser gegenseitiges Verst\u00e4ndnis, dass niemand von uns alles wissen kann und Irrt\u00fcmer menschlich sind. Kritik empfinden wir deshalb immer \u00f6fters als ein Geschenk<sup>5<\/sup>, da wir nur durch sie unsere falschen, leidbringenden \u00dcberzeugungen entdecken k\u00f6nnen. Eine Vielfalt an Meinungen erachten wir als bereichernd, da wir nur voneinander lernen k\u00f6nnen, weil wir verschieden sind<sup>6<\/sup> und uns unsere Vielfalt stark macht, wenn wir zusammenarbeiten. Mit diesem Denken k\u00f6nnen wir deshalb gemeinsam auf dem Forschungsschiff in Richtung Erkenntnis segeln, indem wir falsche Ideen \u00fcber Bord werfen, ohne dass Menschen f\u00fcr falsche Ideen \u00fcber Bord geworfen werden. So f\u00fchrt uns die Aufkl\u00e4rung weg vom Gegeneinander, hin zum Miteinander. Einer gemeinsamen, lebenslangen Forschungsreise immer mehr Tropfen des Ozeans des Wissens und des Wohls frei zu legen. Wir erkennen, dass wir alle auf der Suche sind, dass diese Suche zu unserem Mensch-Sein dazu geh\u00f6rt und wir in unserem Mensch-Sein Eins sind. Wir alle sind Leben, das leben m\u00f6chte, inmitten von Leben, das leben m\u00f6chte<sup>7<\/sup>. Unsere Bezugsgruppe erweitert sich, bis wir mehrheitlich nur noch die Menschheit als unsere Familie und alle anderen empfindsamen Wesen als unsere nahen und fernen Verwandten betrachten. Damit ist die Voraussetzung gegeben, dass wir nicht nur unsere N\u00e4chsten, sondern auch unsere Fernsten lieben k\u00f6nnen<sup>8<\/sup>, wenn wir Liebe als das unbedingte Interesse an der Entfaltung des andern verstehen<sup>9<\/sup>. In diesem Sinne ist die Aufkl\u00e4rung nicht nur der Weg aus der Dunkelheit der Unwissenheit und des Leides, ins Licht des Wissens und des Wohls, es ist auch der Weg aus der Dunkelheit des Gegeneinanders, ins Licht des Miteinanders.<\/p>\n\n\n\n<p>Und da uns meiner Ansicht nach besonders zwei weitverbreite, falsche \u00dcberzeugungen f\u00fcr ein aufkl\u00e4rerisches Miteinander im Weg stehen, m\u00f6chte ich auf diese hier eingehen. Es ist erstens die Ansicht, dass wir Menschen besser sein k\u00f6nnten, als wir sind und zweitens, dass die Natur mehrheitlich gut sei und wir Menschen negativ in diesen harmonischen Naturzustand eingreifen w\u00fcrden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Unschuldig zum Ersten: Die Illusion des freien Willens<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Immanuel Kant er\u00f6ffnete seinen Text mit dem Satz; \u201eAufkl\u00e4rung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unm\u00fcndigkeit.<sup>1<\/sup>\u201c Unm\u00fcndigkeit sei das Unverm\u00f6gen sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen und selbstverschuldet sei diese, weil der Person der Mut und der Entschluss fehle von seinem Verstand Gebrauch zu machen. An dieser Stelle beging Kant meines Erachtens einen Fehler<sup>10<\/sup>, welcher bis heute von vielen Menschen begangen wird. Es ist die Ansicht, dass wir Mensch einen &nbsp;&nbsp;\u2018freien Willen\u2019<sup>11<\/sup> h\u00e4tten und wir uns selbst frei entscheiden k\u00f6nnten, ob wir faul, mutig, oder sonst eine F\u00e4higkeit haben oder eben nicht haben. Diese \u00dcberzeugung f\u00fchrt meiner Meinung nach zu unbegr\u00fcndeten Schuldzuweisungen, zu Unverst\u00e4ndnis und oft sogar zu Hass und Gewalt<sup>12<\/sup>. Erfreulicherweise ist sie meines Erachtens aber falsch und wir k\u00f6nnen sie \u00fcberwinden und finden auf der anderen Seite nicht nur eher die Wahrheit, sondern auch mehr Verst\u00e4ndnis und Nachsicht f\u00fcr unsere Mitmenschen und uns selbst<sup>13<\/sup>. Diese Einsch\u00e4tzung teilen nicht alle Menschen mit mir und sehen in der Abkehr von der Idee der Willensfreiheit sogar Gefahren<sup>14<\/sup>, oder empfinden dies als psychisch destabilisierend<sup>15<\/sup>. Falls insbesondere zweiteres auch auf dich zutreffen k\u00f6nnte, empfehle ich dir nicht weiterzulesen. Ich pers\u00f6nlich m\u00f6chte einfach prim\u00e4r versuchen die Welt meinen M\u00f6glichkeiten entsprechend, so gut wie m\u00f6glich zu verstehen und frage mich dann erst sekund\u00e4r, was dies nun f\u00fcr mich bedeutet. Nur weil mir etwas nicht gefallen k\u00f6nnte, m\u00f6chte ich mich nicht davor sch\u00fctzen. Ich denke dieses Vorgehen ist auch im Sinne der Aufkl\u00e4rung<sup>16<\/sup>. Ich pers\u00f6nlich empfinde es auch nicht so, dass die Abkehr vom freien Willen zu Fatalismus oder einem unethischen Leben f\u00fchrt, eher das Gegenteil erscheint mir der Fall zu sein und folgende Personen, welche auch nicht an einen freien Willen glauben oder glaubten, dienen mir dazu als lebende\/gelebte Beweise:&nbsp; Albert Einstein, Michael Schmidt-Salomon, Sam Harris.<sup>17<\/sup><\/p>\n\n\n\n<p>Der Glaube an einen freien Willen umfasst nach meinem Verst\u00e4ndnis die \u00dcberzeugung, dass jeder von uns zu jedem beliebigen Zeitpunkt anders denken oder handeln k\u00f6nnte, als man dies tut oder getan hat. Das dem nicht so ist, kann man meiner Meinung nach sowohl experimentell erfahren, als auch logisch begr\u00fcnden.<em><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Das Erfahrungsexperiment geht wie folgt und du kannst es gerne gleich selbst ausprobieren: Schliesse dazu deine Augen und versuch dich einzig und allein auf deinen Atem zu konzentrieren. Sp\u00fcre z.B. den Luftzug an deiner Nase oder das Heben und Senken deines Bauches. Mach dies f\u00fcr 5-10 Minuten und schau was passiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Wahrscheinlich wirst du erkennen, dass du schon nach kurzer Zeit von irgendwelchen Gedanken abgelenkt wirst. Du konzentrierst dich nicht mehr auf deinen Atem, ein Gedanke hat dich entf\u00fchrt, obwohl du ein anderes, ziemlich einfaches Ziel hattest, dich ausschliesslich auf deinen Atem zu konzentrieren. Versuche dieses Experiment hunderte, besser tausende Male und du wirst wahrscheinlich immer wieder aufs Neue feststellen, dass du keine Kontrolle \u00fcber deine Gedanken hast. Sobald du erkennst, dass du wieder von einem Gedanken entf\u00fchrt wurdest, nimm dies gelassen zur Kenntnis und versuche dich wieder auf deinen Atem zu konzentrieren. Mit diesem Experiment kannst du erkennen, dass deine Gedanken kommen und gehen und jener Teil, den du als dein \u201aich\u2018 empfindest, keine Kontrolle dar\u00fcber hat, welche Gedanken als n\u00e4chstes auftauchen. Diese Methode und einige mehr<sup>18<\/sup> k\u00f6nnen dir auch dabei helfen zu erkennen, dass dein \u201aich-Gef\u00fchl\u2018 selbst nur ein Gedanke ist. Und wenn du erkennst, dass das, was du als \u201aich\u2018 empfindest keine Kontrolle dar\u00fcber hat, welcher Gedanke als n\u00e4chstes auftaucht, bzw. selbst ein Gedanke ist, macht es meiner Meinung nach wenig Sinn der \u00dcberzeugung zu folgen, dass \u201aman\u2018 die Kontrolle \u00fcber seine Gedanken oder Handlungen hat. Wenn man sich genau beobachtet, kann man meines Erachtens erkennen, dass der vermeintlich empfundene freie Wille eine Illusion war und gar nicht empfunden wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich finde aber auch kein logisches Argument, welches f\u00fcr einen freien Willen spricht. Ein solcher freier Wille w\u00fcrde <em>\u201eeinen Riss im universalen Kausalgef\u00fcge der Welt verlangen. Denn f\u00fcr materielle K\u00f6rper (oberhalb der Quantenbene) gilt notwendigerweise, dass identische Ursachen auch identische Folgen nach sich ziehen. Wie also k\u00f6nnte sich eine nat\u00fcrliche Person X zum Zeitpunkt Y unter den just zu diesem Zeitpunkt vorherrschenden Bedingungen anders verhalten, als sie sich de facto verh\u00e4lt?<\/em><em><sup>19<\/sup><\/em> Ich kann mir das nicht vorstellen. Ein Mensch ist ein Lebewesen, ein biologisches System. Wenn wir beispielsweise an einer neurodegenerativen Erkrankung wie Alzheimer erkranken, oder einen Hirnschlag erleiden, hat dies oft eine ver\u00e4ndernde Wirkung auf unsere Pers\u00f6nlichkeit zur Folge, je nachdem, welches Hirnareal betroffen ist. Obwohl wahrscheinlich die wenigsten von uns der Ansicht sind, dass \u201asie\u2018 ihren Herzschlag, ihr Immunsystem, oder ihren Haarwuchs steuern, sind viele von uns der \u00dcberzeugung, dass \u201asie\u2018 ihr Gehirn bzw. ihre Gedanken steuern<sup>20<\/sup>. Aber wie soll das gehen? Wo in unserem Hirn oder sonst wo k\u00f6nnte sich ein \u201aich\u2018 oder ein \u201afreier Wille\u2018 verstecken? Wie k\u00f6nnte so eine ursachenfreie Schaltstelle funktionieren, die wir frei hin und her schieben k\u00f6nnten, in Form eines \u201eunbewegten Bewegers\u201c<sup>21<\/sup>? Unser Hirn besteht aus etwa 100 Milliarden Nervenzellen, welche durch etwa 100 Billionen Synapsen miteinander verbunden sind. Es sei damit das komplizierteste Organ, das die Natur je hervorgebracht habe<sup>22<\/sup>. Hinzu kommt, dass der gr\u00f6sste Teil unserer Hirnaktivit\u00e4t, bis zu 99.9%, unbewusst abl\u00e4uft<sup>23<\/sup>, und von diesem kleinen Prozentsatz, welcher es in mein Bewusstsein schafft, habe \u201aich\u2018 keine Ahnung, weshalb es diese sind und nicht andere. Und wie mache \u201aich\u2018 das \u00fcberhaupt, zu denken? \u201aIch\u2018 habe keine Ahnung. Deshalb bin \u201aich\u2018 zur Ansicht gelangt, dass es falsch ist zu sagen \u201aich denke\u2018, solange \u201aich\u2018 mir unter diesem kleinen \u201aich\u2018 eine Art Kommandozentrale in meinem Hirn vorstelle, \u00fcber welche \u201aich\u2018 frei verf\u00fcgen kann. Wenn \u201aich\u2018 aber erkenne, dass dieses kleine \u201aich\u2018 eine Illusion ist, ein \u201evirtuelles Theaterst\u00fcck eines blumenkohlartigen Organs\u201c<sup>24<\/sup> und \u201aich\u2018 mein umfassenderes \u201aICH\u2018 als mein ganzes Mensch-Sein, meine Prozesshaftigkeit bezeichne, was meiner Meinung nach zutreffender ist, kann \u201aICH\u2018 sagen: \u201aICH denke, denken ist ein Teil meiner Wohl und Wehe empfindsamen Prozesshaftigkeit, meines Mensch-Seins\u2018. Frei ist mein Denken aber trotzdem nicht, sondern urs\u00e4chlich bedingt durch mein genetisches Potenzial und allen Einfl\u00fcssen, die mich bis zum jetzigen Moment geformt haben<sup>25<\/sup>. So habe ICH als Mensch zwar keinen freien Willen, aber einen Willen habe ICH trotzdem. ICH will z.B. gerade jetzt diesen Text schreiben. Und dieser unfreie Wille empfinde ICH als frei, wenn ICH weder durch innere noch \u00e4ussere Ursachen daran gehindert werde, diesen Willen auszuleben, wenn ICH also Handlungsfreiheit<sup>26<\/sup> habe. Oder wie es Arthur Schopenhauer zusammenfasste<em>: \u201eEin Mensch kann zwar tun, was er will, aber er kann nicht wollen, was er will.<sup>27<\/sup>\u201c<\/em> ICH betrachte mich deshalb als Leben, das sich entfalten m\u00f6chte, inmitten von Leben, das sich entfalten m\u00f6chte. Und so sollten wir uns in der Aufkl\u00e4rung darum bem\u00fchen, dass jeder Mensch und jedes empfindsame Wesen, sich seinen Bed\u00fcrfnissen entsprechend entfalten kann, ohne jemanden anderes daran zu hindern, sich selbst entfalten zu k\u00f6nnen. Wir m\u00fcssen also auf die Suche nach inneren und \u00e4usseren Zw\u00e4ngen gehen, welche unserer Entfaltung im Weg stehen. Und die Denkart der Aufkl\u00e4rung, das kreativ-kritische Denken, ist dazu der vielversprechendste Weg, da sie am ehesten in Kontakt mit der vermeintlichen Realit\u00e4t ist und sich wie das Leben selbst versucht, fortlaufend zu entfalten. Und dies mit der Einsicht und Nachsicht, dass niemand von uns besser denken oder handeln kann, als man dies gerade tut oder jemals getan hat. In dieser Erkenntnis findet man deshalb zumindest theoretisch eine unermessliche Quelle des Verst\u00e4ndnisses und der Nachsicht, andern, aber auch sich selbst gegen\u00fcber<sup>13<\/sup>. Ein Mensch kann nicht besser sein, als er ist. Wir k\u00f6nnen uns aber gegenseitig dabei helfen, besser zu werden, als wir sind, wenn wir denn wollen. Und dies bedeutet meiner Meinung nach auch nicht, dass kein Menschen mehr f\u00fcr seine Handlungen verantwortlich ist. Denn, auch wenn kein Mensch anders hat handeln k\u00f6nnen, als er gehandelt hat, bleibt er f\u00fcr seine Handlungen aus einer objektiven, juristischen und ethischen Perspektive trotzdem verantwortlich f\u00fcr seine Taten<sup>28<\/sup>. Was hingegen keinen Sinn mehr ergibt, ist es mit dem moralischen Finger auf uns und andere zu zeigen und so zu tun, als k\u00f6nnten wir besser sein, als wir sind, denn das k\u00f6nnen wir nicht.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Unschuldig zum Zweiten: Die Natur ist nicht von vornherein gut<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Eine zweite \u00dcberzeugung, welche nach meinem Empfinden uns Menschen oft Schuld zuschreibt, ist jene, dass die Natur von sich aus gut w\u00e4re und wir Menschen negativ in dieses vermeintliche Gleichgewicht, diesen harmonischen Naturzustand eingreifen w\u00fcrden. Auch diese Ansicht ist meines Erachtens falsch und f\u00fchrt zu ungerechtfertigter Schuldzuschreibung und dar\u00fcber hinaus zu einem \u00e4usserst negativen Menschenbild. Ein St\u00fcck weit kann ich diese Haltung verstehen, denn es ist offensichtlich, dass wir Menschen f\u00fcr sehr viel Leid verantwortlich sind. Wenn wir aber nur diese Schattenseiten unseres Mensch-Seins sehen, \u00fcbersehen wir mindestens drei weitere Aspekte, welche ebenso sehr zutreffen und zu einem realistischeren, hoffnungsvolleren und weniger anschuldigenden Menschenbild f\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<p>Erstens scheint das Universum und \u201adie Natur\u2018 v\u00f6llig gleichg\u00fcltig gegen\u00fcber dem Leid oder dem Wohl von uns Menschen und anderen empfindsamen Wesen zu sein. Etwa 99% aller Arten waren bereits ausgestorben, als der Mensch die B\u00fchne des Lebens \u00fcberhaupt betreten hat<sup>29<\/sup>. Man kann sich das damit verbundene Leid kaum vorstellen. Zweitens bietet uns die Erde selbst und das Universum ganz besonders, keineswegs paradiesische Zust\u00e4nde an. Stell dir vor wir m\u00fcssten ohne eine einzige menschliche Erfindung unserer Vorfahren (Wissen, Kleidung, Werkzeuge, Medikamente u.v.m.) auf der Erde \u00fcberleben. Ich bezweifle, dass wir es lange schaffen und falls doch, wahrscheinlich nicht sehr komfortabel.<sup>30<\/sup> Und auch wenn ich es selten sinnvolle finde auf andere zu zeigen, muss ich drittens doch noch betonen, dass auch unter unseren empfindsamen Verwandten in weiten Teilen keine harmonischen Zust\u00e4nde herrschen. Es gilt sehr h\u00e4ufig der Grundsatz \u201afressen oder gefressen werden\u2018. Sogar innerhalb gleicher Arten t\u00f6ten sich viele Tiere gegenseitig<sup>31<\/sup>. Wer genau hinschaut kann meines Erachtens erkennen, dass \u201adie Natur\u2018 weder ein Interesse an unserem Wohl zu haben scheint, noch dass die Erde uns ein Paradies bereitstellt, noch dass andere Tiere so viel besser w\u00e4ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir Menschen haben einen etwa 300\u2018000-j\u00e4hrigen<sup>32<\/sup>, sehr beschwerlichen Weg hinter uns. Unsere Vorfahren sind von B\u00e4umen gestiegen und haben den aufrechten Gang gelernt. Mehr als 95% unserer Zeit haben wir Steinwerkzeuge benutz<sup>33<\/sup>. Erst vor etwa 6000 Jahren entwickelten wir erste komplexere Schriftsysteme<sup>34<\/sup> und der moderne Buchdruck, welcher es uns erm\u00f6glichte, unser sp\u00e4rliches Wissen einer breiteren Menschheit zur Verf\u00fcgung zu stellen, wurde erst vor rund 700 Jahren erfunden<sup>35<\/sup>. Zu einer Zeit, als noch viele Menschen auf dem Scheiterhaufen als Hexen verbrannt wurden, oder an heute heilbaren Krankheiten starben, da uns das Wissen fehlte, dass es keine Hexen gibt bzw. welche Ursachen und Heilungsverfahren diese Krankheiten haben. Heute wissen wir es zum Gl\u00fcck besser, denn Mikrobiologen, Meteorologen, Mediziner und viele weitere, kreativ-kritisch denkende Menschen haben die leidbringenden Ursachen gefunden, f\u00fcr welche diese unschuldigen Menschen tragischerweise verbrannt wurden, oder sterben mussten<sup>36<\/sup>. Diesen Siegeszug haben wir dem aufkl\u00e4rerischen, kreativ-kritischen Denken zu verdanken. Nicht nur hat uns diese Art zu denken zu fast schon unvorstellbar vielen Erfindungen verholfen, welche uns das \u00dcberleben erleichtern (u.a. Dampfmaschine, Elektrizit\u00e4t, Medikamente), sie hat uns Menschen auch n\u00e4her zusammengebracht (u.a. Telefon, Internet, Flugzeug), wodurch immer mehr von uns sich bewusst werden, dass wir eine einzige Menschheitsfamilie auf einer gemeinsam geteilten Erde sind, in einem unvorstellbar grossen, lebensfeindlichen Universum. Und so haben wir es nach langem Kampf geschafft, so etwas wundervolles wie die universellen Menschenrechte<sup>37<\/sup> und die freiheitlich-demokratische Grundordnung mit den Prinzipien einer offenen Gesellschaft (Liberalismus, Egalitarismus, Individualismus, S\u00e4kularismus)<sup>38<\/sup> hervorzubringen. Wohin uns diese Art zu denken noch f\u00fchren wird, kann niemand von uns wissen, aber wir haben damit den \u201aAnfang der Unendlichkeit\u2018<sup>39<\/sup> angestossen, das lebendige, sich entfaltende Denken und Handeln.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Team Mensch, unser unendliches Potenzial f\u00fcr eine bessere Welt<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wir Menschen kommen unschuldig und unwissend zur Welt und sind jeden Tag gezwungen, in einer h\u00f6chst komplexen Welt, unz\u00e4hlige Entscheidungen zu treffen. Unsere Handlungen f\u00fchrten und f\u00fchren noch immer oft zu grossem Leid. Weder hatten unsere Vorfahren die M\u00f6glichkeit besser zu sein, als sie waren, noch haben wir die M\u00f6glichkeit besser zu sein, als wir sind. Denn \u00fcber einen freien Willen verf\u00fcgen wir nicht und die Natur meint es nicht nur gut mit uns. Aus dem Dunkel der Unwissenheit haben wir uns in einem langwierigen, evolution\u00e4ren Prozess einige Schritte in Richtung Licht bewegt. Seit noch nicht allzu langer Zeit verbreitet sich unter uns Menschen eine neue Art zu denken, die Software des aufkl\u00e4rerischen, kreativ-kritischen Denkens. Wenn uns die Sch\u00f6nheit dieser Denkart<sup>3<\/sup> ergreift, k\u00f6nnen wir erkennen, dass wir sehr vieles noch nicht wissen und gleichzeitig haben wir den Mut f\u00fcr gut gepr\u00fcfte Theorien vorl\u00e4ufig einzustehen, wenn wir erkennen, dass diese von falschen, leidbringenden Theorien bedr\u00e4ngt werden. Denn wir haben auch erkannt, dass f\u00fcr Wohl und Wehe empfindsame Wesen wie uns selbst, nicht alles relativ ist, sondern ganz real besser oder schlechter, um unsere Bed\u00fcrfnisse zu befriedigen<sup>40<\/sup>. Wir sehen uns deshalb auch nicht mehr im Kampf gegen Menschen, sondern nur noch im gemeinsamen Kampf gegen Unwissenheit und leidbringende Zust\u00e4nde<sup>41<\/sup>. Wir haben erkannt, dass wir unsere Software fortlaufend aktualisieren sollten und Kritik das beste Mittel dazu ist. Wir empfinden Kritik deshalb auch nicht mehr als eine Gefahr, sondern als ein Geschenk und beschenken uns gegenseitig damit. So erh\u00f6hen wir die Chance leidbringende Ideen und Handlungen hinter uns zu lassen, damit wir immer seltener eine Quelle des Leides, des Hasses oder der Gewalt sind und wir immer \u00f6fters zu einer Quelle des Verst\u00e4ndnisses, der Liebe, der Menschlichkeit werden. Dies erachten wir als den verheissungsvollsten Weg<sup>3<\/sup>, um unserem Namen, \u201aHomo Sapiens \u2013 der Vernunft begabte Mensch\u2018 immer \u00f6fters gerecht zu werden. Und dieses Potenzial werden wir schneller zur Entfaltung bringen, wenn wir uns nicht l\u00e4nger ungerechtfertigterweise gegenseitig die Schuld zuschieben und mit dem moralischen Finger aufeinander zeigen. Wir benutzen unsere Finger und unseren Verstand deshalb daf\u00fcr, um auf die Probleme unserer Zeit zu zeigen, denn davon gibt es gen\u00fcgend und um sie dann gemeinsam zu l\u00f6sen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir haben als Team Mensch einen \u00e4usserst schwierigen, etwa 300\u2018000-j\u00e4hrigen Weg hinter uns und wir haben einen h\u00f6chst komplexen und hoffentlich noch sehr langen Weg vor uns. Aber wir haben gute Gr\u00fcnde darauf zu hoffen, dass wir immer bessere Wege finden werden, um das Leid zu mindern und das Wohl zu mehren.<\/p>\n\n\n\n<p>In unserem Mensch-Sein sind wir Eins und doch ist jeder von uns einzigartig. Lasst uns unser Eins-Sein f\u00fchlen, unsere Einzigartigkeit achten und unsere Vielfalt vereinen, um gemeinsam eine bessere Welt zu schaffen.<\/p>\n\n\n\n<p>Miteinander statt gegeneinander, das ist Aufkl\u00e4rung, das ist Menschlichkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8212;&#8212;&#8212;&#8211;<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Quellen, Zitate und Anmerkungen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die meisten Gedanken und Zitate stammen aus den folgenden, meines Erachtens sehr empfehlenswerten B\u00fcchern:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Carl Sagan, 1997, Der Drache in meiner Garage oder Die Kunst der Wissenschaft, Unsinn zu entlarven. Droemer Knauer<\/li>\n\n\n\n<li>David Deutsch, 2021, Der Anfang der Unendlichkeit \u2013 Erkl\u00e4rung, die die Welt verwandeln. Ungek\u00fcrzte Deutsche eBook Ausgabe<\/li>\n\n\n\n<li>Michael Schmidt-Salomon, 2006, Manifest des Evolution\u00e4ren Humanismus \u2013 Pl\u00e4doyer f\u00fcr eine zeitgem\u00e4sse Leitkultur, Alibri Verlag<\/li>\n\n\n\n<li>Michael Schmidt-Salomon, 2012, Jenseits von Gut und B\u00f6se &#8211; Warum wir ohne Moral die besseren Menschen sind.\u00bb, Piper Verlag<\/li>\n\n\n\n<li>Michael Schmidt-Salomon, 2014, Hoffnung Mensch, 2.Auflage Piper Verlag<\/li>\n\n\n\n<li>Michael Schmidt-Salomon, 2016, Die Grenzen der Toleranz \u2013 Warum wir die offene Gesellschaft verteidigen m\u00fcssen, Piper Verlag<\/li>\n\n\n\n<li>Michael Schmidt-Salomon, 2024, Die Evolution des Denkens \u2013 Das moderne Weltbild \u2013 und wem wir es verdanken, Piper Verlag<\/li>\n\n\n\n<li>Sam Harris, 2012, Free Will, Free Press eBook<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>1_<\/p>\n\n\n\n<p>Kant Immanuel, 1784, Beantwortung der Frage: Was ist Aufkl\u00e4rung. Berlinische Monatsschrift. Zugriff am 25.06.2024 unter <a href=\"https:\/\/de.wikisource.org\/wiki\/Beantwortung_der_Frage:_Was_ist_Aufkl%C3%A4rung%3F\">https:\/\/de.wikisource.org\/wiki\/Beantwortung_der_Frage:_Was_ist_Aufkl%C3%A4rung%3F<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>2_<\/p>\n\n\n\n<p>Drei Zitate zu diesem Gedanken:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>\u201eDie naturwissenschaftliche Revolution war Teil einer gr\u00f6\u00dferen intellektuellen Revolution, der&nbsp;<em>Aufkl\u00e4rung<\/em>, die auch zu Fortschritten auf anderen Gebieten f\u00fchrte, vor allem in der Ethik, der politischen Philosophie und bei den gesellschaftlichen Institutionen.&nbsp;Leider wird der Begriff \u203adie Aufkl\u00e4rung\u2039 von Historikern und Philosophen verwendet, um eine Vielzahl sich teils vehement widersprechender Entwicklungen zu beschreiben. Was ich damit meine, wird sich hier bald herausstellen. Sie ist eine von vielen Facetten des \u203aAnfangs der Unendlichkeit\u2039 und Gegenstand dieses Buches. Aber eine Sache, die alle Aufkl\u00e4rungskonzepte gemeinsam haben, lautet, dass die Aufkl\u00e4rung eine&nbsp;<em>Rebellion<\/em>&nbsp;war, vor allem gegen die auf das Wissen bezogene Autorit\u00e4t.\u201c <a>D. Deutsch, 2021, S.37<\/a><\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>\u201eSo war die Aufkl\u00e4rung eine Revolution der Art und Weise, wie man nach Wissen suchte: indem man sich&nbsp;<em>nicht<\/em>&nbsp;auf eine Autorit\u00e4t verlie\u00df.\u201c D. Deutsch, 2021, S.38<\/li>\n\n\n\n<li>\u201eEines der obersten Gebote der Wissenschaft lautet:&nbsp;\u00bbMi\u00dftraue Argumenten von Autorit\u00e4ten.\u201c <em>C. Sagan, 1997, S.50<\/em><\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>3_<\/p>\n\n\n\n<p>Einige Zitate zur Methode und vor allem zur Sch\u00f6nheit des \u2018kreativ- kritischen Denkens\u2019. Ich bevorzuge diese Umschreibung dieser Denkart gegen\u00fcber der Bezeichnung \u2018wissenschaftliches Denken\u2019 oder \u2018Wissenschaft\u2019. Prim\u00e4r, weil sie besser umschreibt, was dieses Denken charakterisiert und sekund\u00e4r, da ich den Eindruck habe, dass viele Menschen unter \u2018Wissenschaft\u2019 ein eher begrenztes Konzept verstehen. Grunds\u00e4tzlich verstehe ich aber dasselbe darunter, n\u00e4mlich die beste, sch\u00f6nste und effektivste Denkmethode, die wir Menschen je entwickelt haben, ein Leitstern am Himmel:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><em>\u201eMeine Eltern waren keine Wissenschaftler. Sie hatten fast keine Ahnung von Wissenschaft. Aber indem sie mir gleichzeitig&nbsp;Skepsis und Staunen&nbsp;zeigten, brachten sie mir die beiden so spannungsvoll aufeinander bezogenen Denkweisen bei, die von zentraler Bedeutung f\u00fcr das wissenschaftliche Arbeiten sind.\u201c C. Sagan, 1997, S.14<\/em><\/li>\n\n\n\n<li><em>\u00abEvolution\u00e4re Humanisten, die mit Karl Popper lieber falsche Ideen sterben lassen, bevor Menschen f\u00fcr falsche Ideen sterben m\u00fcssen, lehnen \u00bbGlauben\u00ab in diesem absoluten, religi\u00f6sen Sinne ab. Sie gehen von dem rationalen Glauben (im Sinne von \u00bbVermutung\u00ab) aus, dass die wissenschaftlichen Verfahren Logik (\u00dcberpr\u00fcfung von Aussagen auf ihre Widerspruchsfreiheit) und Empirie (systematische Konfrontation von Tatsachenbehauptungen mit der Erfahrungswirklichkeit) die besten Instrumente sind, die die Menschheit bislang entwickelt hat, um g\u00fcltige Erkenntnisse \u00fcber die Welt zu gewinnen und die menschlichen Lebensverh\u00e4ltnisse humaner zu gestalten. (Sollten evolution\u00e4re Humanisten k\u00fcnftig wider Erwarten feststellen, dass diese Ziele eher durch Horoskope, Kartenlegen, Kaffeesatzlesen oder Rosen-kranzbeten erreicht werden, w\u00fcrden sie der Wissenschaft abschw\u00f6ren.) Auch wenn sich das Projekt der wissenschaftlichen Aufkl\u00e4rung auf die griffige Formel \u00bbWissen statt Glauben!\u00ab bringen l\u00e4sst, so ist damit keineswegs eine intellektuell \u00fcberhebliche Geisteshaltung verbunden. Im Gegenteil! Wissenschaftliches Wissen ist religi\u00f6sem Glauben gerade deshalb \u00fcberlegen, weil es um die eigene Beschr\u00e4nktheit wei\u00df. Pointiert formuliert: W\u00e4hrend Wissenschaftler wissen, dass sie nur etwas \u00bbglauben\u00ab (= f\u00fcr \u00bbwahr\u00ab halten), was heute angemessen erscheint, morgen aber m\u00f6glicherweise schon \u00fcberholt ist, glauben Gl\u00e4ubige, etwas zu wissen, was auch morgen noch g\u00fcltig sein soll, obwohl es in der Regel schon heute widerlegt ist. Wenn also jemand tats\u00e4chlich im unbedingten Sinne an die Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung glauben sollte, so h\u00e4tte er das Wesen der Wissenschaft gr\u00fcndlich missverstanden. Denn Wissenschaft ist per definitionem ergebnisoffen, als Methodik des kritischen Zweifelns beruht sie weder auf unantastbaren, ewigen \u00bbWahrheiten\u00ab, noch hat sie das Bestreben, solche \u00bbWahrheiten\u00ab zu vermitteln.\u00bb M. Schmidt-Salomon, 2006, S.37-38<\/em><\/li>\n\n\n\n<li><em>\u201eZwar haben viele Menschen eine Abneigung gegen Unendlichkeiten verschiedenster Art. Aber es gibt einige Dinge, bei denen wir keine Wahl haben.&nbsp;Es gibt nur eine Denkweise, die Fortschritte erzielen und auf lange Sicht \u00fcberleben kann, und sie lautet, mit Kreativit\u00e4t und Kritik nach guten Erkl\u00e4rungen zu suchen.&nbsp;In jedem Fall liegt die Unendlichkeit vor uns. Wir haben lediglich die Wahl,&nbsp;ob es eine Unendlichkeit von Unwissenheit oder Wissen ist, Unmoral oder Moral, Tod oder Leben.\u201c D. <\/em><em>Deutsch, 2021, S.510<\/em><\/li>\n\n\n\n<li>\u201eDas wissenschaftliche Denken ist zugleich&nbsp;phantasievoll und diszipliniert.&nbsp;Dies ist von zentraler Bedeutung f\u00fcr ihren Erfolg. Die Wissenschaft l\u00e4dt uns ein, uns auf&nbsp;die Fakten einzulassen, selbst wenn sie nicht mit unseren vorgefa\u00dften Meinungen \u00fcbereinstimmen.&nbsp;Sie empfiehlt uns, uns alternative Hypothesen durch den Kopf gehen zu lassen und zu sehen, welche am besten zu den Fakten passen. Sie n\u00f6tigt uns ein empfindliches Gleichgewicht auf zwischen einer&nbsp;allumfassenden Offenheit gegen\u00fcber neuen Ideen,&nbsp;wie ketzerisch auch immer sie sein m\u00f6gen, und dem&nbsp;rigorosesten skeptischen \u00dcberpr\u00fcfen von allem und jedem&nbsp;\u2013 neuen Ideen wie etabliertem Wissen.&nbsp;Diese Art des Denkens ist auch ein wichtiges Instrument f\u00fcr eine Demokratie in einem Zeitalter des Wandels. Einer der Gr\u00fcnde f\u00fcr ihren Erfolg besteht darin, da\u00df die Wissenschaft als&nbsp;Herzst\u00fcck einen eingebauten Mechanismus zur Korrektur von Fehlern besitzt.&nbsp;F\u00fcr manche mag dies eine allzu weitgefa\u00dfte Charakterisierung sein, aber f\u00fcr mich betreiben wir immer dann Wissenschaft, wenn wir Selbstkritik \u00fcben, unsere Vorstellungen an der Au\u00dfenwelt \u00fcberpr\u00fcfen.&nbsp;Wenn wir ma\u00dflos und&nbsp;unkritisch sind, wenn wir Hoffnungen und Fakten durcheinanderbringen, gleiten wir in Pseudowissenschaft und Aberglauben ab.&nbsp;Jedesmal, wenn ein wissenschaftliches Papier ein paar Daten pr\u00e4sentiert, erscheint eine Fehlermarke \u2013 eine lautlose, aber best\u00e4ndige Mahnung, da\u00df kein Wissen vollst\u00e4ndig oder vollkommen ist.\u201c&nbsp;<em>C. Sagan, 1997, S.48-49<\/em><\/li>\n\n\n\n<li>\u201eAll unsere Wissenschaft ist, gemessen an der Wirklichkeit, primitiv und kindlich \u2013 und doch ist sie unser kostbarstes Gut. <em>Albert Einstein (1879-1955)<\/em> \u201c<em> <\/em><em>Carl Sagan, 1997, S.17<\/em><\/li>\n\n\n\n<li>\u201eDie Wissenschaft ist weit davon entfernt, ein vollkommenes Instrument des Wissens zu sein. Sie ist einfach nur das Beste, das wir haben.\u00bb <em>Carl Sagan, 1997, S.48<\/em><\/li>\n\n\n\n<li>\u201eWissenschaft ist nicht nur kompatibel mit der Spiritualit\u00e4t \u2013 sie ist auch eine tiefreichende Quelle der Spiritualit\u00e4t.&nbsp;Wenn wir unseren Ort in riesigen R\u00e4umen von Lichtjahren und im Vergehen der Zeitalter erkennen, wenn wir die Komplexit\u00e4t, Sch\u00f6nheit und Subtilit\u00e4t des Lebens begreifen, dann ist dieses Hochgef\u00fchl, dieses Gef\u00fchl der Erhebung und zugleich der Demut ganz sicher spirituell.\u201c <em>C. Sagan, 1997, S.51<\/em><\/li>\n\n\n\n<li>\u201eDie Wissenschaft ist mehr als eine Ansammlung von Wissen \u2013 sie ist eine Art des Denkens.\u201c <em>C. Sagan, 1997, S.46<\/em><\/li>\n\n\n\n<li>\u201eDie Methode der Wissenschaft, so trocken und abweisend sie scheinen mag, ist weitaus wichtiger als ihre Ergebnisse.\u201c <em>C. Sagan, 1997, S.44<\/em><\/li>\n\n\n\n<li>\u201cI think the essence of the scientific method is the willingness to admit your wrong, the willingness to abandon ideas that don\u2019t work and the essence of religion is not to change anything. The supposed truth are handed down by some rewired figure and then no one is supposed to make any to progress beyond that because all the truth are thought to be in hand. My sense is that the scientific way of thinking, questioning, some delicate mix of creative encouragement of new ideas and the most rigorous and skeptical scrutiny of new and old ideas, I think that is the path to the future not just for science but for all human institution, we have to be willing to challenge, because we are in desperate need of change.\u201d Carl Sagan, abgeh\u00f6rt am 25.06.2024 aus einer Rede von ihm aus folgendem YouTube-Video bei Minute 3.09: <a href=\"https:\/\/youtu.be\/Q-yt_Al7aKo?si=BUs5-ftlBZ-tG3zw&amp;t=189\">https:\/\/youtu.be\/Q-yt_Al7aKo?si=BUs5-ftlBZ-tG3zw&amp;t=189<\/a><\/li>\n\n\n\n<li>\u201eDie Entdeckung einer neuen Erkl\u00e4rung ist an sich ein kreativer, also sch\u00f6pferischer Akt.\u201c D. Deutsch, 2021, S.32<\/li>\n\n\n\n<li>\u201eDie wirkliche Quelle unserer Theorien ist das Raten, und die wirkliche Quelle unseres Wissens ist das Raten im Wechsel mit Kritik.&nbsp;Wir erschaffen Theorien,&nbsp;indem&nbsp;wir bereits vorhandene Ideen mit der Absicht, sie zu verbessern, neu arrangieren, kombinieren, ab\u00e4ndern und auf ihnen aufbauen. Die Aufgabe von Experimenten und Beobachtungen besteht darin, zwischen bestehenden Theorien zu entscheiden, nicht darin, als Quelle neuer Theorien zu dienen. Wir interpretieren Wahrnehmungen zwar anhand erkl\u00e4render Theorien, doch wahre Erkl\u00e4rungen sind nicht offensichtlich. Fallibilismus bedeutet, nicht auf&nbsp;Autorit\u00e4ten zu achten, sondern anzuerkennen, dass man sich immer irren kann, und zu versuchen, Fehler zu korrigieren. Wir tun dies, indem wir nach guten Erkl\u00e4rungen suchen \u2013 Erkl\u00e4rungen, die schwer zu ver\u00e4ndern sind, weil sie durch eine Ver\u00e4nderung ihrer Details&nbsp;ruiniert&nbsp;w\u00fcrden. Dies, nicht die experimentelle \u00dcberpr\u00fcfung, war der&nbsp;entscheidende&nbsp;Faktor f\u00fcr die naturwissenschaftliche Revolution und auch f\u00fcr den einzigartigen, raschen, anhaltenden Fortschritt in anderen&nbsp;Bereichen, die an der Aufkl\u00e4rung beteiligt waren. Dabei handelte es sich um eine Rebellion gegen die Autorit\u00e4t, und im Gegensatz zu den meisten solcher Rebellionen versuchte sie, nicht nach autoritativen Rechtfertigungen f\u00fcr Theorien zu streben, und baute stattdessen eine kritische Tradition auf. Einige der daraus resultierenden Ideen haben enorme Reichweite: Sie erkl\u00e4ren mehr als das, wof\u00fcr sie urspr\u00fcnglich entwickelt wurden. Die Reichweite einer Erkl\u00e4rung ist ein wesentliches Merkmal von ihr und keine&nbsp;Annahme, die wir \u00fcber sie machen, wie es der Empirismus und Induktivismus behaupten.\u201c D. Deutsch, 2021, S.59<\/li>\n\n\n\n<li>\u201eDas war die Situation seit der fr\u00fchesten Urgeschichte unserer Art, durch die Fr\u00fchzeit der Zivilisation und ihren unmerklich langsamen Anstieg der Raffinesse \u2013 mit vielen R\u00fcckschritten \u2013&nbsp;bis vor einigen Jahrhunderten. Dann tauchte ein gewaltiger neuer Entdeckungs- und Erkl\u00e4rungsmodus auf, der sp\u00e4ter als&nbsp;<em>die Naturwissenschaften<\/em>&nbsp;bekannt wurde. Seine Entstehung wird als&nbsp;<em>naturwissenschaftliche Revolution<\/em>&nbsp;bezeichnet, weil es ihm fast augenblicklich gelungen ist, Wissen mit einer sp\u00fcrbaren Geschwindigkeit zu schaffen, die seitdem zugenommen hat.\u201c D. Deutsch S.89 ebook<\/li>\n\n\n\n<li>\u201eDie Begegnung mit der Natur n\u00f6tigt der Wissenschaft unweigerlich ein Gef\u00fchl der Achtung und Ehrfurcht ab.&nbsp;Der eigentliche Akt des Verstehens ist eine feierliche Vereinigung, Verschmelzung, wenn auch in einem sehr bescheidenen Ma\u00dfe, mit der Herrlichkeit des Kosmos.&nbsp;Und die weltweite Anh\u00e4ufung des Wissens im Laufe der Zeit verwandelt die Wissenschaft in etwas, was einem transnationalen, transgenerationalen Metageist sehr nahe kommt.\u201c <em>C. Sagan, 1997, S.51<\/em><\/li>\n\n\n\n<li>\u201eWorauf beruht das Erfolgsgeheimnis der Wissenschaft? Zum Teil auf diesem eingebauten Fehlerkorrekturmechanismus.&nbsp;In der Wissenschaft gibt es keine verbotenen Fragen, keine Angelegenheiten, die zu prek\u00e4r oder heikel w\u00e4ren, um sie zu untersuchen, keine heiligen Wahrheiten.&nbsp;Diese Offenheit gegen\u00fcber neuen Ideen, verbunden mit der rigorosesten, skeptischsten \u00dcberpr\u00fcfung aller&nbsp;Ideen, trennt die Spreu vom Weizen. Dabei spielt es keine Rolle, wie klug, erhaben oder beliebt Sie sind. Sie m\u00fcssen ihre Sache vor entschlossenen Fachkritikern beweisen. Meinungsvielfalt und Diskussionsfreudigkeit werden gesch\u00e4tzt.&nbsp;Meinungsstreit wird ermutigt \u2013 wenn er \u00fcberzeugend und tiefgehend gef\u00fchrt wird. \u201c <em>C. Sagan, 1997, S.53-54<\/em><\/li>\n\n\n\n<li>\u201eDie Allgemeine Relativit\u00e4tstheorie ist mit Sicherheit eine unangemessene Darstellung der Natur auf der Quantenebene, aber selbst wenn dies nicht der Fall w\u00e4re, selbst wenn die Allgemeine Relativit\u00e4tstheorie \u00fcberall und f\u00fcr immer g\u00fcltig w\u00e4re \u2013 wie k\u00f6nnten wir uns besser von ihrer G\u00fcltigkeit \u00fcberzeugen als dadurch, da\u00df wir uns mit vereinten Kr\u00e4ften bem\u00fchen, ihre Schw\u00e4chen und Grenzen aufzudecken? Dies ist einer der Gr\u00fcnde, warum die organisierten Religionen mir kein Vertrauen einfl\u00f6\u00dfen. Welche F\u00fchrer der gro\u00dfen Glaubensrichtungen akzeptieren schon, da\u00df ihr Glaube unvollkommen oder irrig sein k\u00f6nnte, und richten Institute ein, um m\u00f6gliche M\u00e4ngel der Lehre aufzudecken? Wer untersucht schon \u00fcber die Bew\u00e4hrung im&nbsp;Alltagsleben hinaus systematisch die Verh\u00e4ltnisse, in denen sich traditionelle religi\u00f6se Lehren vielleicht nicht l\u00e4nger anwenden lassen?&nbsp;(Es ist mit Sicherheit denkbar, da\u00df Lehren und Ethiken, die zur Zeit der Patriarchen, der Kirchenv\u00e4ter oder im Mittelalter ziemlich gut funktioniert haben, in der v\u00f6llig anderen Welt, in der wir heute leben, ganz und gar ung\u00fcltig sein k\u00f6nnten.) Welche Predigten untersuchen schon unparteiisch die Gottes-Hypothese?&nbsp;Welche Auszeichnungen werden Religionskritikern von den etablierten Religionen verliehen \u2013 oder eigentlich auch Sozial- und Wirtschaftskritikern von der Gesellschaft, in der sie sich tummeln? Die Wissenschaft, bemerkt Arm Druyan, fl\u00fcstert uns st\u00e4ndig ins Ohr: \u00bbDenk daran, da\u00df dies etwas ganz Neues f\u00fcr dich ist. Du k\u00f6nntest dich irren. Du hast dich ja schon mal geirrt.\u00ab&nbsp;Ich lasse hier einmal alle Bescheidenheit fahren und verlange, da\u00df man mir etwas Vergleichbares in der Religion zeigt. Die Heilige Schrift, hei\u00dft es, ist g\u00f6ttlich inspiriert \u2013 eine sehr vieldeutige Phrase. Und wenn&nbsp;sie einfach von fehlbaren Menschen zusammengestellt worden w\u00e4re?&nbsp;Wunder werden beglaubigt \u2013 und wenn sie statt dessen irgendeine Mischung aus Scharlatanerie, unbekannten Bewu\u00dftseinszust\u00e4nden, falsch interpretierten nat\u00fcrlichen Ph\u00e4nomenen und Geisteskrankheit w\u00e4ren? Keine zeitgen\u00f6ssische Religion und keine New-Age-Anschauung scheint mir die Gr\u00f6\u00dfe, Herrlichkeit, Feinheit und Kompliziertheit des von der Wissenschaft enth\u00fcllten Universums hinreichend in Betracht zu ziehen.&nbsp;Die Tatsache, da\u00df so wenige Ergebnisse der modernen Wissenschaft in der Heiligen Schrift angek\u00fcndigt sind, zieht ihre g\u00f6ttliche Inspiriertheit meiner Meinung nach noch mehr in Zweifel. Aber nat\u00fcrlich kann ich mich irren. \u201c <em>C. Sagan, 1997, S.58-59<\/em><\/li>\n\n\n\n<li>\u201eWenn wir nicht selbst\u00e4ndig denken k\u00f6nnen, sind wir nichts als Wachs in den H\u00e4nden derer, die an der Macht sind. Aber wenn die B\u00fcrger gebildet sind und sich ihre eigene Meinung bilden, arbeiten die M\u00e4chtigen f\u00fcr uns. \u00dcberall auf der Welt sollten wir unseren Kindern die wissenschaftliche Methode beibringen und ihnen erkl\u00e4ren, warum es Menschenrechte gibt. In der Welt voller D\u00e4monen, in der wir leben, weil wir Menschen sind, mag dies alles sein, was zwischen uns steht und der Finsternis, die uns umgibt.\u201c <em>C. Sagan, 1997, S.507<\/em><\/li>\n\n\n\n<li>\u201eFest steht: Wer heute ein logisch konsistentes (= widerspruchsfreies), mit empirischen Erkenntnissen \u00fcber-einstimmendes (= unserem systematischen Erfahrungswissen entsprechendes) und auch ethisch tragf\u00e4higes Menschen- und Weltbild entwickeln m\u00f6chte, muss notwendigerweise auf die Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschung zur\u00fcckgreifen. Die traditionellen Religionen, die bislang das menschliche Selbstverst\u00e4ndnis pr\u00e4gten, k\u00f6nnen diese Aufgabe nicht mehr erf\u00fcllen. Sie sind nicht nur hinreichend theoretisch widerlegt, sie haben sich auch in ihrer Praxis als schlechte Ratgeber f\u00fcr die Menschheit erwiesen, wie nicht zuletzt der islamische Fundamentalismus2 oder die \u201eKriminalgeschichte\u201c des Christentums3 belegen.\u201c M. Schmidt-Salomon, 2006, S.8<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>4_<\/p>\n\n\n\n<p>In Anlehnung an das Zitat von Isaac Newton: \u00abWas wir wissen, ist ein Tropfen, was wir nicht wissen, ein Ozean.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p>5_<\/p>\n\n\n\n<p>Dass Kritik ein Geschenk ist, hat mir sicherlich niemand besser veranschaulicht als Michael Schmidt-Salomon. So zum Beispiel im Kapitel 5 \u00abKritik ist ein Geschenk: Die Kunst, Fehler einzugestehen\u00bb in seinem Buch \u00abJenseits von GUT und B\u00d6SE\u00bb. Oder im folgenden, wundervollen Zitat aus demselben Buch:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>\u201eEben dies ist die eigentliche frohe Botschaft f\u00fcr uns nackte Affen: Wir m\u00fcssen uns die Welt nicht&nbsp;<em>sch\u00f6nreden<\/em>, um sie als&nbsp;<em>sch\u00f6n zu empfinden<\/em>. Wir k\u00f6nnen etwas&nbsp;<em>bewegen<\/em>, ohne \u00bb<em>unbewegte Beweger<\/em>\u00ab zu sein. Wir k\u00f6nnen&nbsp;<em>frei<\/em>&nbsp;sein, ohne&nbsp;<em>Willensfreiheit<\/em>&nbsp;zu unterstellen. Wir k\u00f6nnen f\u00fcr&nbsp;<em>Gerechtigkeit<\/em>&nbsp;sorgen, ohne&nbsp;<em>selbstgerecht<\/em>&nbsp;zu werden. Wir k\u00f6nnen uns selbst helfen, indem wir anderen helfen, selbst gl\u00fccklich sein, indem wir gl\u00fccklich machen. Wir k\u00f6nnen&nbsp;<em>vergeben<\/em>&nbsp;statt&nbsp;<em>vergelten<\/em>, k\u00f6nnen Kritik als Geschenk begr\u00fc\u00dfen, statt vor ihr zu fl\u00fcchten.&nbsp;Wir k\u00f6nnen unserem Leben einen Sinn geben, der&nbsp;<em>sinnlich<\/em>&nbsp;erfahrbar ist und nicht&nbsp;<em>\u00fcbersinnlich<\/em>&nbsp;herbeihalluziniert werden muss. Wir k\u00f6nnen unser Selbst&nbsp;<em>verwirklichen<\/em>, indem wir es&nbsp;<em>\u00fcberwinden<\/em>. Und wir k\u00f6nnen daran arbeiten, der zu werden, der wir&nbsp;<em>sein k\u00f6nnten<\/em>, statt uns daf\u00fcr schuldig zu f\u00fchlen, der zu sein, der wir&nbsp;<em>sind<\/em>.\u201c M. Schmidt-Salomon, 2012, S.310-311<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>6_<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>\u00abNur weil wir unterschiedlich sind, k\u00f6nnen wir voneinander lernen. \u201c M. Schmidt-Salomon, 2016, S.8<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>7_Was f\u00fcr eine wundervolles Zitat\/Erkenntnis:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>\u201e<em>Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will\u00ab<\/em>, hat Albert Schweitzer einmal in bewundernswerter Klarheit formuliert.<sup>57<\/sup>&nbsp;Wir werden uns mit den ethischen Implikationen dieses Satzes sp\u00e4ter noch besch\u00e4ftigen. Hier soll es darum gehen, was die in Schweitzers Diktum enthaltene Aussage f\u00fcr das Individuum bedeutet: Es ist die Erfahrung der fundamentalen Verbundenheit des Ichs mit dem Weltganzen, eine Erfahrung, die h\u00e4ufig mit dem Begriff der \u00bbSpiritualit\u00e4t\u00ab belegt wird.<sup>58<\/sup>\u201c Michael Schmidt-Salomon, 2012, S.245-246<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>8_ <a><\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Michael Schmidt-Salomon machte mich darauf aufmerksam, dass nicht fehlende N\u00e4chstenliebe das Problem ist, sondern der damit oft verbundene Fernstenhass (erstes Zitat) und er beschreibt im zweiten Zitat auch die n\u00f6tige Korrektur daf\u00fcr, n\u00e4mlich den empathischen Kreis auf die Menschheit in ihrer Gesamtheit auszuweiten:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>\u201eKulischers Forschungsergebnisse dokumentieren treffend, was heute unter den Begriff des&nbsp;\u00bbmoralischen Dualismus\u00ab&nbsp;gefasst wird, n\u00e4mlich die Aufteilung der als verbindlich geltenden&nbsp;Verhaltensregeln in&nbsp;<em>zwei grundverschiedene Moralsysteme,<\/em>&nbsp;einer&nbsp;<em>Binnenmoral<\/em>&nbsp;f\u00fcr die Mitglieder der eigenen Gruppe (die Insider) und einer&nbsp;<em>Au\u00dfenmoral<\/em>&nbsp;f\u00fcr die Mitglieder fremder Gruppen (die Outsider). Da sich diese beiden Moralsysteme diametral voneinander unterscheiden (Barmherzigkeit hier, Rache dort), gehen&nbsp;<em>N\u00e4chstenliebe<\/em>&nbsp;und&nbsp;<em>Fernstenhass<\/em>&nbsp;oftmals Hand in Hand \u2013 getreu der Devise: \u00bbUnd willst du nicht mein Bruder sein, so schlag\u2019 ich dir den Sch\u00e4del ein!\u00ab Ber\u00fccksichtigt man diesen moralischen Dualismus, l\u00f6st sich ein scheinbarer Widerspruch auf, auf den man bei der Betrachtung der menschlichen Kulturgeschichte immer wieder st\u00f6\u00dft:&nbsp;<em>Einerseits<\/em>&nbsp;ist der Mensch das&nbsp;<em>empathischste Lebewesen auf diesem Planeten,<\/em>&nbsp;ein geborener Teamplayer, der von den Mechanismen der Evolution \u00e4hnlich stark in Richtung&nbsp;<em>Mitgef\u00fchl<\/em>&nbsp;getrimmt wurde wie die Gro\u00dfkatzen in Richtung Kraft und Geschwindigkeit.<sup>224<\/sup>&nbsp;<em>Andererseits<\/em>&nbsp;jedoch zeichnet sich gerade der Mensch durch eine besondere&nbsp;<em>Grausamkeit<\/em>&nbsp;gegen\u00fcber seinen Artgenossen aus \u2013 insbesondere wenn diese nicht der&nbsp;eigenen Gruppe angeh\u00f6ren bzw. aus dieser versto\u00dfen wurden.\u201c M. Schmidt-Salomon, 2016, 139-140<\/li>\n\n\n\n<li>\u201eAn diesem Punkt wird deutlich, was wir tun k\u00f6nnen, um die&nbsp;verh\u00e4ngnisvolle Wechselwirkung von&nbsp;N\u00e4chstenliebe&nbsp;und Fernstenhass zu unterbinden:&nbsp;<em>Wir m\u00fcssen die Begrenzung des empathischen Systems auf den eigenen Clan, die eigene Ethnie, die Vertreter der eigenen Kultur, Nation, Religion, Ideologie verhindern und daf\u00fcr sorgen, dass der Kreis derer, die in den Genuss empathischer Empfindungen kommen, erweitert wird.<\/em>&nbsp;Dass dies m\u00f6glich ist, verr\u00e4t ein Blick in die Geschichte. Denn im Verlauf der menschlichen Kulturevolution hat sich der&nbsp;<em>empathische Kreis<\/em>&nbsp;zunehmend vergr\u00f6\u00dfert:<sup>229<\/sup>&nbsp;Umfasste er zun\u00e4chst nur den eigenen Clan, umschloss er sp\u00e4ter spezifische Gro\u00dfgruppen (Nation, Religion, Ethnie, Klasse) und schlie\u00dflich, mit der UN-Menschenrechtserkl\u00e4rung, die Menschheit in ihrer Gesamtheit. Und selbst bei dieser weltb\u00fcrgerlichen Perspektive sind viele nicht stehen geblieben, denn mittlerweile hat der empathische Kreis die Artgrenze durchbrochen: Immer mehr Menschen sehen ein, dass es keinen plausiblen Grund gibt, die Interessen von Lebewesen (etwa der Gro\u00dfen Menschenaffen) blo\u00df deshalb zu ignorieren, weil sie nicht unserer eigenen Spezies angeh\u00f6ren.<sup>230<\/sup> Hinter dieser erstaunlichen Ausweitung des empathischen Kreises verbirgt sich ein bemerkenswerter intellektueller Fortschritt, ja: ein echter Paradigmenwechsel, n\u00e4mlich die Abl\u00f6sung des alten,&nbsp;<em>moralischen Dualismus<\/em>&nbsp;durch einen neuen,&nbsp;<em>ethischen Monismus<\/em>. \u201c M. Schmidt-Salomon, 2016, 141<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>9_<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich nur, sofern diese Entfaltung nicht auf Kosten anderer geht. Und ich w\u00fcrde an das Zitat noch anf\u00fcgen: \u00ab\u2026und sich selbst.\u00bb.<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>\u00abLiebe ist das Unbedingte Interesse an der Entfaltung des Anderen.\u00bb Gerald H\u00fcther, Zugriff am 25.06.2024 unter <a href=\"https:\/\/www.epochtimes.de\/gesellschaft\/hueter-trifft-huether-ein-gespraech-ueber-liebe-angst-und-wie-eltern-die-welt-veraendern-koennen-a4572018.html\">https:\/\/www.epochtimes.de\/gesellschaft\/hueter-trifft-huether-ein-gespraech-ueber-liebe-angst-und-wie-eltern-die-welt-veraendern-koennen-a4572018.html<\/a><\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>10_<\/p>\n\n\n\n<p>Auf diesen Fehler machte auch bereits Michael Schmidt-Salomon aufmerksam:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>\u201eEvolution\u00e4re Humanisten f\u00fchlen sich insbesondere diesem&nbsp;<em>produktiven Erbe der Aufkl\u00e4rung verpflichtet.&nbsp;<\/em>Wenn sie religi\u00f6se Welterkl\u00e4rungsmodelle dekonstruieren, so geschieht dies nicht aus Selbstzweck, sondern zur Verwirklichung jener Losung, die Immanuel Kant einst f\u00fcr die Aufkl\u00e4rung vorgegeben hat:&nbsp;<em>\u00bbSapere aude ! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! \u00ab<\/em>Im Unterschied zu Kant gehen evolution\u00e4re Humanisten allerdings davon aus, dass die Unm\u00fcndigkeit, aus der die Aufkl\u00e4rung die Menschen f\u00fchren sollte, keineswegs \u00bbselbstverschuldet\u00ab ist (Kant), sondern dass diese strukturell (biologisch, soziologisch, \u00f6kologisch, \u00f6konomisch etc.) bedingt ist. Eben deshalb ist es auch m\u00fc\u00dfig, von idealistischen Appellen weitreichende Wirkungen zu erwarten.\u00bb Michael Schmidt-Salomon, 2006, S.91<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>11_<\/p>\n\n\n\n<p>Einige Zitate zum freien Willen:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>\u201cThe popular conception of free will seems to rest on two assumptions: (1) that each of us could have behaved differently than we did in the past, and (2) that we are the conscious source of most of our thoughts and actions in the present. As we are about to see, however, both of these assumptions are false.\u201d S. Harris, 2012, S.18<\/li>\n\n\n\n<li>\u201cFree will&nbsp;<em>is<\/em>&nbsp;an illusion. Our wills are simply not of our own making. Thoughts and intentions emerge from background causes of which we are unaware and over which we exert no conscious control. We do not have the freedom we think we have.\u201d S. Harris, 2012, S.17<\/li>\n\n\n\n<li>\u201cThe intention to do one thing and not another does not originate in consciousness\u2014rather, it&nbsp;<em>appears<\/em>&nbsp;in consciousness, as does any thought or impulse that might oppose it.\u201d S. Harris, 2012, S.20<\/li>\n\n\n\n<li>\u00abSchopenhauers Widerlegung der Willensfreiheitsidee richtet sich vor allem gegen jenes Denkmuster, das zeitgen\u00f6ssische Philosophen mit dem Begriff \u00bbPrinzip der alternativen M\u00f6glichkeiten\u00ab belegen. Der Philosoph Michael Pauen definiert dieses f\u00fcr den Willensfreiheitsbegriff konstitutive Prinzip folgenderma\u00dfen: \u00bbWenn wir das Handeln einer Person als frei bezeichnen, dann setzen wir damit in der Regel voraus, dass die Person unter den gegebenen Umst\u00e4nden auch anders h\u00e4tte handeln k\u00f6nnen. Besteht diese M\u00f6glichkeit nicht, dann sprechen wir normalerweise nicht mehr von einer freien, durch die Person zu verantwortenden Handlung&nbsp;\u2026\u00ab<sup>25<\/sup>\u201dM. Schmidt-Salomon, 2012, S.119<\/li>\n\n\n\n<li>\u201eErstens: Willensfreiheit ist eine Illusion. Wie andere Lebewesen auch, sind Menschen nicht in der Lage, Naturgesetze zu \u00fcberschreiten. Daher ist es schlichtweg unm\u00f6glich, dass sich eine Person unter exakt den gleichen Bedingungen anders entscheiden k\u00f6nnte, als sie sich de facto entscheidet. Das \u00bbPrinzip der alternativen M\u00f6glichkeiten\u00ab muss aufgegeben werden.\u201c M. Schmidt-Salomon, 2012, S.201<\/li>\n\n\n\n<li>\u201eDenn diese Ideen stehen nicht allein im Konflikt mit den Ergebnissen der Hirnforschung, sondern widersprechen dem wissenschaftlichen Forschungsprinzip schlechthin, worauf etwa Wolfgang Prinz, der Direktor des Max-Planck-Instituts f\u00fcr Kognitions- und Neurowissenschaften in M\u00fcnchen, hingewiesen hat:&nbsp;\u201eDie Idee eines freien menschlichen Willens ist mit wissenschaftlichen \u00dcberlegungen nicht zu vereinbaren. Wissenschaft geht davon aus, dass alles, was geschieht, seine Ursachen hat und dass man diese Ursachen finden kann. F\u00fcr mich ist unverst\u00e4ndlich, dass jemand, der empirische Wissenschaft betreibt, glauben kann, dass freies, also nichtdeterminiertes Handeln denkbar ist.<sup>27<\/sup>\u00bb\u201dM. Schmidt Salomon, 2012, S.120<\/li>\n\n\n\n<li>\u201eKonnten Ren\u00e9 Descartes und seine Nachfolger noch davon ausgehen, dass das autonome, \u00bbdenkende Ich\u00ab in begrenztem Umfang \u00fcber seinen K\u00f6rper bestimmen k\u00f6nne,&nbsp;wissen wir heute, dass das \u00bbIch\u00ab nichts weiter ist als ein Artefakt des k\u00f6rperbewussten Gehirns. Das f\u00fcr unser Selbstverst\u00e4ndnis so zentrale und intuitiv \u00fcberzeugende Gef\u00fchl, dass wir autonom handelnde, \u00fcber Naturkausalit\u00e4ten erhabene Subjekte sind, ist nach heutigem Kenntnisstand nichts weiter als das Resultat einer geschickten Selbstt\u00e4uschung unseres Organismus.&nbsp;<em>Das \u00bbbewusste Ich\u00ab wird erzeugt und gesteuert von neuronalen Prozessen, die selbst<\/em>&nbsp;<em>unmittelbar nicht erfahrbar sind.<\/em><sup>26<\/sup>\u201d M. Schmidt-Salomon, 2006, S.15-16<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>12_<\/p>\n\n\n\n<p>Schuldgef\u00fchle, Schuldzuweisungen, Rachegef\u00fchle entspringen oft aus dem Glauben an einen freien Willen:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>\u201eThe belief in free will has given us both the religious conception of \u201csin\u201d and our commitment to retributive justice.\u201d S. Harris, 2012, S.73<\/li>\n\n\n\n<li>\u201eThe urge for retribution depends upon our not seeing the underlying causes of human behavior. Despite our attachment to the notion of free will, most of us know that disorders of the brain can trump the best intentions of the mind.&nbsp;This shift in understanding represents progress toward a deeper, more consistent, and more compassionate view of our common humanity\u2014and we should note that this is progress&nbsp;away from religious metaphysics. Few concepts have offered greater scope for human cruelty than the idea of an immortal soul that stands independent of all material influences, ranging from genes to economic systems.&nbsp;Within a religious framework, a belief in free will supports the notion of sin\u2014which seems to justify not only harsh punishment in this life but&nbsp;<em>eternal<\/em>&nbsp;punishment in the next.\u201d S. Harris, 2012, S.82-83<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>13_<\/p>\n\n\n\n<p>Und hier einige positive Auswirkungen, die eintreffen k\u00f6nnen, wenn man den \u2018unbegr\u00fcndeten\u2019 Glauben an einen freien Willen aufgibt:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>\u201eWenn wir die Ergebnisse logisch-empirischer Forschung ernst nehmen und das Prinzip der Willensfreiheit verwerfen, so kann dies sehr wohl zu einer St\u00e4rkung des Mutes zur Freiheit f\u00fchren. Das Wissen darum, dass das Prinzip der alternativen M\u00f6glichkeiten blo\u00df eine Chim\u00e4re ist, reduziert n\u00e4mlich die&nbsp;<em>Angst vor dem Versagen<\/em>&nbsp;und damit den psychischen Druck, vor dem der Unterwerfungswillige flieht. Wer wei\u00df, dass er sich in der Vergangenheit nur in der Weise verhalten&nbsp;<em>konnte<\/em>, wie er sich unter den gegebenen Bedingungen verhalten&nbsp;<em>musste<\/em>, der wird zur\u00fcckliegende Fehlentscheidungen wohl bereuen und auch daran arbeiten, k\u00fcnftig anders zu reagieren, er wird daraus jedoch keine Selbstvorw\u00fcrfe ableiten, da es sinnlos ist, sich f\u00fcr etwas zu kasteien, was notwendigerweise so war, wie es war. Die hiermit verbundene&nbsp;<em>F\u00e4higkeit zur Selbstvergebung<\/em>&nbsp;f\u00fchrt nicht nur zu einer Verbesserung des individuellen Verm\u00f6gens, dem Druck der Gruppe zu widerstehen, vermeintliche Autorit\u00e4ten zu hinterfragen und eigene Wege im Dschungel des Lebens einzuschlagen.&nbsp;<em>Wer sich selbst vergibt, kann auch anderen besser vergeben und dadurch ein entspannteres Verh\u00e4ltnis zu seinen Mitmenschen entwickeln.<\/em>&nbsp;Nicht zuletzt zeigen sich die Vorz\u00fcge dieser alternativen Sichtweise auch auf gesellschaftlicher Ebene: Denn Individuen, die gelernt haben, sich selbst und anderen zu vergeben, wird man kaum daf\u00fcr gewinnen k\u00f6nnen, Rachefeldz\u00fcge gegen \u00bbdas B\u00f6se\u00ab und seine vermeintlichen \u00bbAgenten\u00ab zu f\u00fchren.\u00bb M. Schmidt-Salomon, 2012, S.203-204<\/li>\n\n\n\n<li>\u201eFest steht: Wer sich von der moralischen Fiktion befreit hat, dass sich eine Person zum Zeitpunkt ihrer Tat anders h\u00e4tte verhalten k\u00f6nnen, als sie sich verhielt (Prinzip der alternativen M\u00f6glichkeiten), dem f\u00e4llt es leichter, zu verzeihen.&nbsp;Warum? Weil er unter dieser Voraussetzung den Schaden, den er erlitten hat, als Ausdruck eines&nbsp;<em>nat\u00fcrlichen \u00dcbels<\/em>&nbsp;begreift und nicht als&nbsp;<em>moralisches \u00dcbel<\/em>, was, wie wir im ersten Kapitel gesehen haben, einen weit geringeren Grad der Verbitterung nach sich zieht.\u201d M. Schmidt-Salomon, 2012, S.275<\/li>\n\n\n\n<li>\u201eCertain criminals must be incarcerated to prevent them from harming other people. The moral justification for this is entirely straightforward: Everyone else will be better off this way.&nbsp;Dispensing with the illusion of free will allows us to focus on the things that matter\u2014assessing risk, protecting innocent people, deterring crime, etc.&nbsp;However, certain moral intuitions begin to relax the moment we take a wider picture of causality into account. Once we recognize that even the most terrifying predators are, in a very real sense, unlucky to be who they are, the logic of hating (as opposed to fearing) them begins to unravel. Once again, even if you believe that every human being harbors an immortal soul, the picture does not change: Anyone born with the soul of a psychopath has been profoundly&nbsp;<em>unlucky<\/em>.\u201d S. Harris, 2012, S.80-81<\/li>\n\n\n\n<li>\u201eHans Albert hat einmal zu Recht darauf hingewiesen, dass der \u00bbKritizismus\u00ab, also das unumwundene Einstehen f\u00fcr die Idee der Kritik, eine regelrechte \u00bbLebensweise\u00ab sei und nicht blo\u00df ein \u00bbabstraktes Prinzip ohne existenzielle Bedeutung\u00ab.<sup>12<\/sup>&nbsp;Dieser Aussage stimme ich ausdr\u00fccklich zu. Doch wenn ich mich nicht sehr irre, schafft erst das&nbsp;<em>Paradigma der Unschuld<\/em>&nbsp;die Voraussetzungen daf\u00fcr, dass wir diese \u00bbkritizistische Lebensweise\u00ab auch tats\u00e4chlich im Alltag umsetzen k\u00f6nnen. Denn nur, wenn wir uns nicht mehr daf\u00fcr verurteilen, Fehler zu machen, k\u00f6nnen wir unsere Schw\u00e4chen vor anderen zugeben. Nur wenn wir die Angst verlieren, von den anderen \u00bbentlarvt\u00ab zu werden, finden wir die Kraft, vorurteilslos auf sie zuzugehen, uns auf ihre Argumente einzulassen und, sofern diese Argumente stimmig sind, von ihnen zu lernen. Das Paradigma der Unschuld f\u00fchrt also nicht nur zu einem entspannteren Ich, sondern auch zu entspannteren Beziehungen<em>.<\/em>&nbsp;Dazu tr\u00e4gt nicht zuletzt der Umstand bei, dass derjenige, der sich selbst Fehler zugestehen kann, auch weit eher in der Lage ist, anderen ihre Fehler nachzusehen.\u00bb M. Schmidt-Salomon, 2012, S.266-267<\/li>\n\n\n\n<li>\u00abDies ist wohl der Grund daf\u00fcr, dass Albert Einstein (siehe Einleitung) meinte, die Aufhebung der Willensfreiheitsidee f\u00fchre dazu, dass wir uns selbst und die anderen nicht mehr \u00bbgar zu ernst\u00ab nehmen w\u00fcrden. In der Tat: Die meist mit heiligem Ernst vorgetragene Ego-Fixierung, die seltsame Eigenart von Menschen, sich mit stolzgeschw\u00e4ngerter Brust etwas auf sogenannte eigene Leistungen einzubilden und im n\u00e4chsten Moment schlimm darunter zu leiden, falls sie in irgendeiner Hinsicht versagt haben sollten, erh\u00e4lt nach dem Abschied vom freien Willen eine durchaus komische Note. Wie k\u00f6nnte man beispielsweise auf eigene Sch\u00f6nheit stolz sein, wenn man doch wei\u00df, dass diese nicht zuletzt abh\u00e4ngig ist von einer zuf\u00e4lligen Anordnung von Adenin, Thymin, Guanin und Cytosin (den vier Basen der DNA), die zu einem Zeitpunkt zusammengew\u00fcrfelt wurden, als das stolzgeschw\u00e4ngerte Ich noch gar nicht existierte?! Oder wie k\u00f6nnte ich etwa stolz darauf sein, einen Doktortitel zu besitzen und B\u00fccher zu schreiben? Auch dies ist nicht auf mich als \u00bbunbewegten Beweger\u00ab zur\u00fcckzuf\u00fchren, sondern auf Trilliarden von Faktoren, auf die ich selbst gar keinen Einfluss hatte. Wer sich all dies hinreichend vergegenw\u00e4rtigt, der wird die Welt mit anderen Augen betrachten und eine tiefe innere Ruhe erfahren, eine&nbsp;<em>Leichtigkeit des Seins<\/em>, die sich schwer in Worte fassen l\u00e4sst. Falls Sie die Erfahrung nicht selbst schon gemacht haben: Versuchen Sie einmal sich vorzustellen, was es bedeutet, keine Schuldgef\u00fchle mehr zu kennen, keinen Stolz, keine Versagensangst, keine Furcht davor, sich vor anderen zu blamieren&nbsp;\u2026\u00bb M. Schmidt-Salomon, 2012, S.212-213<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>14_<\/p>\n\n\n\n<p>Der Neurologe und Arzt Joachim Bauer antwortete auf eine NZZ-Interviewfrage 2015 hierzu beispielsweise wie folgt:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Frage: \u00abSie halten die Negation des freien Willens nicht nur f\u00fcr falsch in der Sache, sondern auch f\u00fcr gef\u00e4hrlich. Warum?\u00bb Antwort: \u00abEinige Forscher gaben Versuchspersonen einen Artikel zu lesen, in dem stand, die Existenz des freien Willens sei wissenschaftlich eindeutig widerlegt. Diese Probanden verhielten sich deutlich unverantwortlicher und unsozialer als zuvor. Es geht aber auch ohne Wissenschaft: W\u00fcrden Sie sich \u2013 im Falle einer notwendigen Operation \u2013 gern in die H\u00e4nde eines Narkosearztes begeben, der Ihnen vorher gesagt hat, er halte die freie Willensentscheidung f\u00fcr eine Illusion?\u00bb Zugriff am 25.06.2024 unter <a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/feuilleton\/und-der-wille-ist-doch-frei-ld.888208\">https:\/\/www.nzz.ch\/feuilleton\/und-der-wille-ist-doch-frei-ld.888208<\/a><\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>15_<\/p>\n\n\n\n<p>Sam Harris, welcher oft \u00fcber dieses Thema spricht, macht regelm\u00e4ssig vor seinen Ausf\u00fchrungen zu diesem Thema den Hinweis, dass Menschen ihm nicht zuh\u00f6ren sollen, falls sie von diesen Gedanken verunsichert werden. Er hat anscheinend schon mehrere solcher R\u00fcckmeldungen erhalten. Ich mache dies deshalb nun auch, da es nicht meine Absicht ist, jemandem Leid zuzuf\u00fcgen. Ich kann auch verstehen, dass die Abkehr vom Glauben an einen freien Willen eine tiefe und weitreichende Ver\u00e4nderung darstellt, f\u00fcr den Blick auf die Welt und sich selbst, was Verunsicherung ausl\u00f6sen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>16_<\/p>\n\n\n\n<p>Der kreativ-kritisch denkende Mensch versucht nicht seine Bed\u00fcrfnisse und W\u00fcnsche der Natur aufzun\u00f6tigen, er befragt sie mit aller Bescheidenheit und nimmt ernst, was er entdeckt:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>\u201eManche Menschen halten die Wissenschaft f\u00fcr arrogant \u2013 besonders wenn sie vorgibt, altbew\u00e4hrten Glaubenss\u00e4tzen zu widersprechen, oder wenn sie bizarre Begriffe einf\u00fchrt, die dem gesunden Menschenverstand zuwiderzulaufen scheinen. Wie ein Erdbeben, das unseren Glauben ausgerechnet auf dem Boden, auf dem wir stehen, ersch\u00fcttert, kann das Infragestellen gewohnter Ansichten, die Ersch\u00fctterung der Lehren, auf die wir uns seit jeher st\u00fctzen, zutiefst beunruhigend sein.&nbsp;Gleichwohl bleibe ich dabei, da\u00df die Bescheidenheit zur Wissenschaft einfach dazugeh\u00f6rt.&nbsp;Wissenschaftler versuchen nicht, ihre Bed\u00fcrfnisse und W\u00fcnsche der Natur aufzun\u00f6tigen, sondern befragen sie lieber in aller Bescheidenheit und nehmen ernst, was sie entdecken.&nbsp;Wir sind uns dar\u00fcber im klaren, da\u00df verehrte Wissenschaftler sich geirrt haben. Wir wissen, da\u00df die Menschen unvollkommen sind.&nbsp;Wir bestehen auf unabh\u00e4ngiger und \u2013 soweit wie m\u00f6glich \u2013 vielfacher \u00dcberpr\u00fcfung aller vorgetragenen \u00dcberzeugungen. Wir spornen st\u00e4ndig an, stellen in Frage, suchen nach Widerspr\u00fcchen oder kleinen, sich hartn\u00e4ckig haltenden Fehlern, schlagen alternative Erkl\u00e4rungen vor,&nbsp;ermutigen die Ketzerei.&nbsp;Wir verleihen unsere h\u00f6chsten Auszeichnungen denen, die \u00fcberzeugend etablierte Anschauungen widerlegt haben.\u201c <em>C. Sagan, 1997, S.55-56<\/em><\/li>\n\n\n\n<li>\u201eWeil Wissenschaft uns dazu bringt, die Welt zu verstehen, wie sie ist, statt wie wir sie uns w\u00fcnschen, sind ihre Ergebnisse vielleicht nicht in allen F\u00e4llen unmittelbar verst\u00e4ndlich oder befriedigend.&nbsp;Vielleicht erfordert es ein wenig Arbeit, unsere vorgefa\u00dften Meinungen zu \u00e4ndern. Zum Teil ist Wissenschaft ganz einfach. Wenn sie kompliziert wird, liegt das gew\u00f6hnlich daran, da\u00df die Welt kompliziert ist \u2013 oder weil&nbsp;<em>wir<\/em>&nbsp;kompliziert sind. Wenn wir vor ihr zur\u00fcckscheuen, weil sie zu kompliziert zu sein scheint (oder weil wir so schlecht unterrichtet sind), berauben wir uns der F\u00e4higkeit,&nbsp;unsere Zukunft selbst in die Hand zu nehmen.\u201c <em>C. Sagan, 1997, S.50-51<\/em><\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>17_<\/p>\n\n\n\n<p>Albert Einstein, Michael Schmidt-Salomon und Sam Harris, von welchen die zwei Letzt genannten eigene B\u00fccher gegen den freien Willen geschrieben haben, fallen meines Erachtens in keiner Weise durch Fatalismus oder ein unethisches Leben auf. Im Gegenteil, sie sind f\u00fcr mich grosse Vorbilder f\u00fcr den Versuch eines engagierten und ethischen Lebens:<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Albert Einstein<\/strong> war weder durch Fatalismus noch f\u00fcr ein unethisches Leben bekannt. Er schreibt in seinem wundervollen \u2018Glaubensbekenntnis\u2019 (1932), nicht nur, dass er nicht an einen freien Willen glaubt, er spricht sich auch wundervoll f\u00fcr Demokratie, Pazifismus, Sozialen Ausgleich, Bescheidenheit und viel Erstrebenswertes mehr aus:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>\u00abMein Glaubensbekenntnis[I. Teil] Zu den Menschen zu geh\u00f6ren, die ihre besten Kr\u00e4fte der Betrachtung und Erforschung objektiver, nicht zeitgebundener Dinge widmen d\u00fcrfen und k\u00f6nnen, bedeutet eine besondere Gnade. Wie froh und dankbar bin ich, dass ich dieser Gnade teilhaftig geworden bin, die weitgehend vom pers\u00f6nlichen Schicksal und vom Verhalten der Nebenmenschen unabh\u00e4ngig macht. Aber diese Unabh\u00e4ngigkeit darf uns nicht blind machen gegen die Erkenntnis der Pflichten, die uns unaufh\u00f6rlich an die fr\u00fchere, gegenw\u00e4rtige und zuk\u00fcnftige Menschheit binden.Seltsam erscheint unsere Lage auf dieser Erde. Jeder von uns erscheint da unfreiwillig und ungebeten zu kurzem Aufenthalt, ohne zu wissen, warum und wozu. Im t\u00e4glichen Leben f\u00fchlen wir nur, dass der Mensch um anderer willen da ist, solcher, die wir lieben, und zahlreicher anderer, ihm Schicksalsverbundener Wesen.Oft bedr\u00fcckt mich der Gedanke, in welchem Ma\u00dfe mein Leben auf der Arbeit meiner Mitmenschen aufgebaut ist, und ich wei\u00df, wie viel ich Ihnen schulde.Ich glaube nicht an die Freiheit des Willens. Schopenhauers Wort: \u201aDer Mensch kann wohl tun, was er will, aber er kann nicht wollen, was er will\u2018, begleitet mich in allen Lebenslagen und vers\u00f6hnt mich mit den Handlungen der Menschen, auch wenn sie mir recht schmerzlich sind. Diese Erkenntnis von der Unfreiheit des Willens sch\u00fctzt mich davor, mich selbst und die Mitmenschen als handelnde und urteilende Individuen allzu ernst zu nehmen und den guten Humor zu verlieren.Nach Wohlleben und Luxus strebte ich nie und habe sogar ein gut Teil Verachtung daf\u00fcr. Meine Leidenschaft f\u00fcr soziale Gerechtigkeit hat mich oft in Konflikt mit den Menschen gebracht, ebenso meine Abneigung gegen jede Bindung und Abh\u00e4ngigkeit, die mir nicht absolut notwendig erschien.[II. Teil] Ich achte stets das Individuum und hege eine un\u00fcberwindliche Abneigung gegen Gewalt und gegen Vereinsmeierei. Aus allen diesen Motiven bin ich leidenschaftlicher Pazifist und Antimilitarist, lehne jeden Nationalismus ab, auch wenn er sich nur als Patriotismus geb\u00e4rdet. Aus Stellung und Besitz entspringende Vorrechte sind mir immer ungerecht und verderblich erschienen, ebenso ein \u00fcbertriebener Personenkultus. Ich bekenne mich zum Ideal der Demokratie, trotzdem mir die Nachteile demokratischer Staatsform wohlbekannt sind. Sozialer Ausgleich und wirtschaftlicher Schutz des Individuums erschienen mir stets als wichtige Ziele der staatlichen Gemeinschaft. Ich bin zwar im t\u00e4glichen Leben ein typischer Einsp\u00e4nner, aber das Bewusstsein, der unsichtbaren Gemeinschaft derjenigen anzugeh\u00f6ren, die nach Wahrheit, Sch\u00f6nheit und Gerechtigkeit streben, hat das Gef\u00fchl der Vereinsamung nicht aufkommen lassen. Das Sch\u00f6nste und Tiefste, was der Mensch erleben kann, ist das Gef\u00fchl des Geheimnisvollen. Es liegt der Religion sowie allem tieferen Streben in Kunst und Wissenschaft zugrunde. Wer dies nicht erlebt hat, erscheint mir, wenn nicht wie ein Toter, so doch wie ein Blinder. Zu empfinden, dass hinter dem Erlebbaren ein f\u00fcr unseren Geist Unerreichbares verborgen sei, dessen Sch\u00f6nheit und Erhabenheit uns nur mittelbar und in schwachem Widerschein erreicht, das ist Religiosit\u00e4t. In diesem Sinne bin ich religi\u00f6s. Es ist mir genug, diese Geheimnisse staunend zu ahnen und zu versuchen, von der erhabenen Struktur des Seienden in Demut ein mattes Abbild geistig zu erfassen.\u201c Albert Einstein, Zugriff am 27.06.2024 unter &nbsp;<a href=\"https:\/\/einstein-website.de\/glaubensbekenntnis\/%23:~:text=EINSTEINS%20GLAUBENSBEKENNTNIS,Liga%20f%C3%BCr%20Menschenrechte%2C%20auf%20Schallplatte.\">https:\/\/einstein-website.de\/glaubensbekenntnis\/#:~:text=EINSTEINS%20GLAUBENSBEKENNTNIS,Liga%20f%C3%BCr%20Menschenrechte%2C%20auf%20Schallplatte.<\/a><\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p><strong>Michael Schmidt-Salomon<\/strong> hat mir in seinem Buch \u00abJenseits von GUT und B\u00d6SE\u00bb nicht nur die Augen daf\u00fcr ge\u00f6ffnet, dass ich keinen freien Willen habe, er hat mir auch die Sch\u00f6nheit dieser Erkenntnis verst\u00e4ndlich aufgezeigt, unteranderem eine neue \u2018Leichtigkeit des Seins\u2019:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Wer sich all dies hinreichend vergegenw\u00e4rtigt, der wird die Welt mit anderen Augen betrachten und eine tiefe innere Ruhe erfahren, eine&nbsp;<em>Leichtigkeit des Seins<\/em>, die sich schwer in Worte fassen l\u00e4sst. Falls Sie die Erfahrung nicht selbst schon gemacht haben: Versuchen Sie einmal sich vorzustellen, was es bedeutet, keine Schuldgef\u00fchle mehr zu kennen, keinen Stolz, keine Versagensangst, keine Furcht davor, sich vor anderen zu blamieren&nbsp;\u2026\u00bb M.Schmidt-Salomon, 2012, S.213<\/li>\n\n\n\n<li>\u201eWer es versteht, die Weisheit des Ostens mit der Weisheit des Westens zu verbinden, der wird jene&nbsp;<em>brennende Geduld<\/em>&nbsp;entwickeln, die notwendig ist, um im Kampf f\u00fcr eine bessere Welt nicht voreilig zu resignieren. Er wird an den Menschen zwar zweifeln, aber nicht verzweifeln, er wird jene, die die Menschenrechte missachten, bek\u00e4mpfen, aber sich nicht moralisch \u00fcber sie erheben. Denn er wei\u00df: Es gibt kein&nbsp;<em>Gut und B\u00f6se<\/em>, sondern blo\u00df ein&nbsp;<em>Wohl und Wehe<\/em>, und so wird er Nachsicht \u00fcben, selbst jenen gegen\u00fcber, die ihm aufgrund aggressiver Memplexe m\u00f6glicherweise nach dem Leben trachten.\u201c M. Schmidt-Salomon, 2012, S.311<\/li>\n\n\n\n<li>\u00bbDu kannst nichts daf\u00fcr!\u00ab ist in diesem Sinne kein Aufruf zu fatalistischer Passivit\u00e4t, sondern vielmehr zu gr\u00f6\u00dferer Autonomie: Wer wei\u00df, dass er nicht \u00fcber den eigenen Schatten springen kann, der muss deshalb ja keineswegs dort stehen bleiben, wo er augenblicklich steht! Im Gegenteil! Gerade derjenige, der sich selbst verzeihen kann, der zu sein, der er ist, verf\u00fcgt \u00fcber die notwendige innere Gelassenheit, um sich selbst effektiv ver\u00e4ndern zu k\u00f6nnen.\u201c M. Schmidt-Salomon, 2012, S.210-211<\/li>\n\n\n\n<li>\u201eFazit dieser \u00dcberlegungen: Der Fatalismus ist keine logisch zwingende, sondern vielmehr eine logisch falsche Konsequenz aus dem Abschied von der Willensfreiheit.&nbsp;Die Tatsache, dass wir stets nur das wollen&nbsp;<em>k\u00f6nnen<\/em>, was wir aufgrund unserer spezifischen Erfahrungen wollen&nbsp;<em>m\u00fcssen<\/em>, steht keineswegs im Widerspruch zu der f\u00fcr unser Freiheitsempfinden so wichtigen Intuition, dass die Zukunft offen ist. Vielmehr sind wir als lebende, Wohl und Wehe empfindende Wesen geradezu dazu determiniert, tagt\u00e4glich auf kreative Weise Probleme zu l\u00f6sen, was den Fluss der Ereignisse immer wieder in neue Bahnen lenkt.\u201c M. Schmidt-Salomon, 2012, S.177-178<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Und diese Erkenntnisse hat Michael Schmidt-Salomon meines Erachtens nicht nur meisterhaft aufs Papier gebracht, er lebt sie auch, mit seinem grossen Engagement f\u00fcr die Menschenrechte und die offene Gesellschaft durch seine B\u00fccher oder auch sein Engagement in der Giordano-Bruno-Stiftung. In seinem Buch \u2018Leibnitz war kein Butterkeks\u2019 (2012, S.280) outet er sich auch, dass er privat via der Internetseite \u00ab<a href=\"http:\/\/www.thelifeyoucansave.or\/take-the-pledge\">thelifeyoucansave.or\/take-the-pledge<\/a>\u00bb das Versprechen abgegeben hat, sich an die dort vorgeschlagene Spendenformel zu halten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sam Harris<\/strong> spricht sich ebenfalls in seinem Buch \u00abFree Will\u00bb und auch auf seiner App \u00abWaking up\u00bb dezidiert gegen den freien Willen aus. Auch ihn hat diese Einsicht nicht von einem engagierten Leben abgebracht: Er hat meines Erachtens mehrere sehr wertvolle B\u00fccher geschrieben. In \u00abLying\u00bb zeigt er auf, dass es selten bis fast nie sinnvoll ist zu l\u00fcgen. In \u00abThe Moral Landscape\u00bb hat er ein aus meiner Sicht herausragendes Werk f\u00fcr eine rationale Ethik geschrieben und mit \u00abWaking Up\u00bb zeigt er auf, dass unser \u00abIch\u00bb eine Illusion ist. In seinem Podcast \u00abMaking Sense\u00bb, versucht er aktuelle Themen von Bedeutung zu verstehen und teilt diese mit uns. Mit seiner App \u00abWaking Up\u00bb, stellt er uns unglaublich wertvollen Inhalt zum Thema \u00abMeditation\u00bb zur Verf\u00fcgung und falls jemand aus finanziellen Gr\u00fcnden sich kein Abo leisten kann, schenkt er den Zugang gratis. Mit seinem Unternehmen hat er sogar den \u00abFoundersPledge.com\u00bb unterschrieben.<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>\u201cSpeaking from personal experience, I think that losing the sense of free will has only improved my ethics\u2014by increasing my feelings of compassion and forgiveness, and diminishing my sense of entitlement to the fruits of my own good luck. Is such a state of mind always desirable? Probably not. If I were teaching&nbsp;a self-defense class for women, I would consider it quite counterproductive to emphasize that all human behavior, including a woman\u2019s response to physical attack, is determined by a prior state of the universe, and that all rapists are, at bottom, unlucky\u2014being themselves victims of prior causes that they did not create. There are scientific, ethical, and practical truths appropriate to every occasion\u2014and an injunction like \u201cJust gouge the bastard\u2019s eyes\u201d surely has its place. There is no contradiction here. Our interests in life are not always served by viewing people and things as collections of atoms\u2014but this doesn\u2019t negate the truth or utility of physics. Losing a belief in free will has not made me fatalistic\u2014in fact, it has increased my feelings of freedom. My hopes, fears, and neuroses seem less personal and indelible.\u201d S. Harris, 2012, S.70-71<\/li>\n\n\n\n<li>\u201cDecisions, intentions, efforts, goals, willpower, etc., are causal states of the brain, leading to specific behaviors, and behaviors lead to outcomes in the world. Human choice, therefore, is as important as fanciers of free will believe. But the next choice you make will come out of the darkness of prior causes that you, the conscious witness of your experience, did not bring into being.\u201d S. Harris, 2012, S.55<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>F\u00fcr mich sind dies drei Menschen Vorbilder und es gibt bestimmt noch unz\u00e4hlige andere Beispiele an Menschen, die nicht an einen freien Willen glauben und deshalb weder fatalistisch noch offensichtlich unethisch unterwegs sind. Aber heisst dies, dass die Abkehr vom freien Willen automatisch zu einem engagierten und ethischen Leben f\u00fchrt? Oder dass der Glaube an einen freien Willen ein unethisches Leben bewirkt? Wahrscheinlich weder noch. Grunds\u00e4tzlich m\u00f6chte ich aber nicht an etwas Glauben, nur weil es mir besser gef\u00e4llt oder ich es nicht verstehe. Glauben sollten wir nur dann an etwas, wenn wir \u00fcberzeugende Argumente f\u00fcr diese Theorie haben, und \u00fcberzeugende Argumente habe ich bisher erst gegen einen freien Willen gefunden, weshalb ich nicht an ihn glaube. Aber nat\u00fcrlich kann ich mich irren. Wenn wir hingegen keine guten Argumente f\u00fcr oder gegen eine Theorie haben, sollten wir die Gr\u00f6sse und Bescheidenheit haben zu sagen; \u2018Ich weiss es nicht\u2019, worauf mich Werner Hoffmann wundervoll in meinem Interview mit Ihm aufmerksam gemacht hat (Link zum Interview: <a href=\"https:\/\/youtu.be\/RFZWBqgzN3A?si=cSMyoNBIhXBwUIdo\">https:\/\/youtu.be\/RFZWBqgzN3A?si=cSMyoNBIhXBwUIdo<\/a>).<\/p>\n\n\n\n<p>18_<\/p>\n\n\n\n<p>Ich empfehle dazu die App \u00abWaking Up\u00bb von Sam Harris sehr und auch sein Buch mit demselben Namen, kann ich sehr empfehlen. Wertvoll finde ich auch das Kapitel \u00abRationale Mystik: Wie man die Weisheit des Ostens mit der des Westens verbindet\u00bb aus dem Buch \u00abJenseits von Gut und B\u00f6se\u00bb von Michael Schmidt-Salomon.<\/p>\n\n\n\n<p>19_<\/p>\n\n\n\n<p>\u00abDas Problem, das mit dem \u00bbPrinzip der alternativen M\u00f6glichkeiten\u00ab verbunden ist, ist offensichtlich: Es verlangt einen Riss im universalen Kausalgef\u00fcge der Welt. Denn f\u00fcr materielle K\u00f6rper (oberhalb der Quantenebene) gilt notwendigerweise, dass&nbsp;<em>identische Ursachen<\/em>&nbsp;auch&nbsp;<em>identische Folgen<\/em>&nbsp;nach sich ziehen. Wie also k\u00f6nnte sich eine nat\u00fcrliche Person X zum Zeitpunkt Y unter den just zu diesem Zeitpunkt vorherrschenden Bedingungen anders verhalten, als sie sich de facto verh\u00e4lt? Ein Mensch, der unter exakt gleichen Bedingungen (also identischen \u00e4u\u00dferen Reizen und inneren Verarbeitungsmustern!) sowohl Handlung A wie Handlung B durchf\u00fchren k\u00f6nnte, w\u00e4re ein gr\u00f6\u00dferer Magier als alle David Copperfields der Erde zusammengenommen. Der Strafrechtler Eduard Kohlrausch fasste diesen Sachverhalt bereits vor einem Jahrhundert in die klassischen Worte: \u00bb\u2026&nbsp;ein Mensch, der unter eindeutig gegebenen \u00e4u\u00dferen und inneren Umst\u00e4nden genauso gut so wie anders handeln k\u00f6nnte \u2026 geh\u00f6rt nicht ins Zuchthaus, auch nicht in eine Irrenanstalt, sondern in einen Glaskasten \u2026 auf dass ihn jeder anstaune als die abnormste und unbegreiflichste Bildung, die ein Menschenauge bisher geschaut hat.\u00ab<sup>26<\/sup>\u00bb M. Schmidt-Salomon, 2012, S.119-120<\/p>\n\n\n\n<p>20_<\/p>\n\n\n\n<p>In Anlehnung an folgendes Zitat: \u201cI, as the conscious witness of my experience, no more initiate events in my prefrontal cortex than I cause my heart to beat.\u201d S. Harris, 2012, S.22<\/p>\n\n\n\n<p>21_<\/p>\n\n\n\n<p>In Anlehnung an folgendes Zitat:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>\u00abDenn nach allem, was wir aus der (neuro-)wissenschaftlichen Forschung wissen, gibt es kein feststehendes \u201eIch\u201c, das als \u201eunbewegter Beweger\u201c \u00fcber den k\u00f6rperlichen Prozessen schweben und losgel\u00f6st von nat\u00fcrlichen Ursachen Entscheidungen treffen k\u00f6nnte. (Dies erkl\u00e4rt auch, warum Menschen bei einer degenerativen Hirnerkrankung wie Alzheimer ihre Pers\u00f6nlichkeit verlieren und nicht mehr in der Lage sind, die Entscheidungen zu treffen, die sie vor dem Beginn der Erkrankung getroffen h\u00e4tten.) Die Art und Weise, wie wir denken, empfinden, urteilen, die Welt wahrnehmen, ist nun einmal ein Produkt von biologischer Anlage und kultureller Erfahrung. Das heisst auch: Wer es nie gelernt hat, homosexuelle Menschen als gleichwertige Gesellschaftsmitglieder zu verstehen, sondern bereits mit der kulturellen Muttermilch schwulenfeindliche Ressentiments in sich aufgenommen hat, ist gar nicht in der Lage, seine Vorurteile zu \u00fcberwinden. Wir alle k\u00f6nnen eben nur so klug, so human, so weltoffen sein, wie wir es aufgrund unserer jeweiligen Anlagen und Erfahrungen sein m\u00fcssen. Alber Einstein sah in dieser Erkenntnis eine \u201eunersch\u00f6pfliche Quelle der Toleranz&#187;- und hatte damit zweifellos recht. Denn der moralische Vorwurf, den wir gegen\u00fcber jenen erhaben, die uns als \u201einhuman\u201c oder \u201eborniert\u201c erscheinen, verliert sofort an Impetus, wenn wir erkennen, dass die derart Kritisierten vor dem Hintergrund ihrer Lebensgeschichte gar nicht die M\u00f6glichkeit besassen, anders zu sein, als sie es de facto sind. Wer sich dieser Tatsache bewusst ist, dem f\u00e4llt es sehr viel leichter, die Kunst der zivilisierten Verachtung zu praktizieren, also Nachsicht gegen\u00fcber Menschen walten zu lassen, deren Einstellungen keinerlei Nachsicht verdienen.\u00bb M. Schmidt-Salomon, 2016, S.94-95<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>22_<\/p>\n\n\n\n<p>Max-Planck-Gesellschaft (Stand 25.06.2023): <a href=\"https:\/\/www.mpg.de\/gehirn#:~:text=Schlie%C3%9Flich%20sitzen%20bis%20zu%2010.000,die%20weit%20voneinander%20entfernt%20sind\">https:\/\/www.mpg.de\/gehirn#:~:text=Schlie%C3%9Flich%20sitzen%20bis%20zu%2010.000,die%20weit%20voneinander%20entfernt%20sind.<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>23_<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>\u00abSch\u00e4tzungen zufolge dringen weniger als 0,1&nbsp;Prozent s\u00e4mtlicher Hirnaktivit\u00e4ten in unser Bewusstsein vor.<sup>41<\/sup>&nbsp;\u00dcber 99,9&nbsp;Prozent aller Gehirnaktivit\u00e4ten entziehen sich unserer Wahrnehmung\u00bb M. Schmidt-Salomon, 2012, S.131<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>24_<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>\u201e<em>Wer mit sich selbst Frieden schlie\u00dfen will, der sollte sein Selbst nicht zu ernst nehmen!<\/em> Hierzu besteht bei genauerer Betrachtung auch gar keine Veranlassung, schlie\u00dflich ist dieses Ich, an das wir uns so verzweifelt klammern und das uns als so ungemein bedeutsam erscheint, nur ein virtuelles Theaterst\u00fcck, das von einem blumenkohlf\u00f6rmigen Organ in unserem Sch\u00e4del auf der Basis genetischer und memetischer Kopiervorlagen inszeniert wird! Sollte man einem solchen neuronalen Artefakt wirklich mit \u201eheiligem Ernst\u201c gegen\u00fcbertreten? Bestimmt nicht!\u201c M. Schmidt-Salomon, 2012, S.214<\/li>\n\n\n\n<li>\u201eDie moderne Hirnforschung zeichnet ein Bild vom Menschen, das unserer Intuition zuwiderl\u00e4uft. So meinen wir, \u00fcber unser Gehirn \u00e4hnlich verf\u00fcgen zu k\u00f6nnen wie \u00fcber andere K\u00f6rperteile. Wir sagen etwa: \u00bbSchalt doch mal dein Hirn ein!\u00ab, wenn jemand offensichtlichen Unsinn daherredet. Bei genauerer Betrachtung beruhen derartige Redewendungen jedoch auf einer kolossalen Verdrehung der Tatsachen. Denn es ist keineswegs so, dass das Gehirn in irgendeiner Weise abh\u00e4ngig w\u00e4re vom \u00bbIch\u00ab. Es ist umgekehrt:&nbsp;<em>Das \u00bbIch\u00ab ist eine Konstruktionsleistung des Gehirns<\/em>.\u201c M. Schmidt-Salomon, 2012, S.110<\/li>\n\n\n\n<li>\u00bbGerhard Roth schreibt: \u00abOhne die M\u00f6glichkeit zu virtueller Wirklichkeit und zu virtuellem Handeln k\u00f6nnte das Gehirn nicht diejenigen komplexen Leistungen vollbringen, die es vollbringt. Die Wirklichkeit und ihr Ich sind Konstruktionen, welche das Gehirn in die Lage versetzen, komplexe Informationen zu verarbeiten, neue, unbekannte Situationen zu meistern und langfristige Handlungsplanung zu betreiben. Wir sehen dies an der \u2026 Entwicklung des Kindes: das Kleinkind verf\u00fcgt \u00fcber bestimmte Formen des Bewusstseins, z.&nbsp;B. ein Wahrnehmungsbewusstsein, Aufmerksamkeit, ein Emotionsbewusstsein \u2013 Bewusstseinsformen, die sich auch bei anderen Primaten oder anderen S\u00e4ugetieren finden \u2026 Aber erst die Entwicklung eines selbstbewussten Ich macht den Menschen zu einem hochflexiblen Akteur.\u00ab<sup>45<\/sup>\u00bb M. Schmidt-Salomon, 2012, S.134<\/li>\n\n\n\n<li>\u201eWir erkennen daran, dass das virtuelle Ich, das sich kontrafaktisch als Besitzer eines K\u00f6rpers und unabh\u00e4ngigen Urheber aller Handlungen w\u00e4hnt, keine Naturgegebenheit ist. Vielmehr handelt es sich hierbei um einen kulturell sich \u00fcberaus erfolgreich kopierenden Memplex, das hei\u00dft um eine fiktionale Geschichte, die uns im Verlauf unserer individuellen Entwicklung so lange erz\u00e4hlt wird, bis wir sie so sehr verinnerlicht haben, dass wir in unserem Denken, Handeln und Empfinden ganz selbstverst\u00e4ndlich von der realen Existenz des uns blo\u00df angedichteten Ichs ausgehen.\u201c M. Schmidt-Salomon, 2012, S.136<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>25_<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>\u00bbSingers Bremer Kollege, Gerhard Roth, stiess ins gleiche Horn: \u00bbDas bewusste, denkende und wollende Ich ist nicht im&nbsp;<em>moralischen<\/em>&nbsp;Sinne verantwortlich f\u00fcr dasjenige, was das Gehirn tut, auch wenn dieses Gehirn \u203aperfiderweise\u2039 dem Ich die entsprechende Illusion verleiht \u2026 Das Gef\u00fchl der pers\u00f6nlichen Schuld, das wir h\u00e4ufig empfinden, wenn wir etwas Unrechtes getan haben, resultiert aus der irrt\u00fcmlichen Annahme, wir als bewusstes Ich h\u00e4tten das Unrecht verursacht \u2026 Was eine Person tut, ist neben genetischen Faktoren im Wesentlichen das Produkt eines Lernprozesses, vermittelt durch das Limbische System. Dieses System bewertet \u2026 alles nach gut\/angenehm und schlecht\/unangenehm. Es bestimmt die Handlungen nicht danach, was das bewusste Ich will, sondern danach, ob dieselben oder \u00e4hnliche Handlungen positive oder negative Konsequenzen hatten und deshalb wiederholt oder vermieden werden sollen.<sup>15<\/sup>\u00bb\u00bb M. Schmidt-Salomon, 2012, S.114-115<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>26_<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>\u201eWer f\u00fcr die klassische Idee der Willensfreiheit eintrete, so Schopenhauer 150&nbsp;Jahre vor Roth und Singer, der verlasse den Bereich der logischen Argumentation. Die Idee des freien Willens sei schlichtweg&nbsp;<em>undenkbar<\/em>. Doch wenn sie undenkbar ist, warum bestimmt sie dennoch so sehr das Denken und Handeln der Menschen? Schopenhauers Antwort: Weil die Menschen aus dem Erleben von&nbsp;<em>Handlungsfreiheit<\/em>, n\u00e4mlich der Freiheit,&nbsp;<em>tun zu k\u00f6nnen, was man will<\/em>, auf die Existenz von&nbsp;<em>Willensfreiheit<\/em>&nbsp;schlie\u00dfen, also der Freiheit, auch&nbsp;<em>beliebig wollen zu k\u00f6nnen, was man will.\u201c <\/em>M. Schmidt-Salomon, 2012, S.117<\/li>\n\n\n\n<li><em>\u201eDenn die Freiheit, die wir meinen, wenn wir diesen Begriff emphatisch benutzen, ist stets eine&nbsp;Freiheit des Tuns, das hei\u00dft eine Handlungsfreiheit.&nbsp;Frei sein bedeutet, tun zu k\u00f6nnen, was man will \u2013 es bedeutet nicht, zu einem bestimmten Zeitpunkt etwas anderes wollen zu k\u00f6nnen als das, was man will.&nbsp;Wer f\u00fcr Freiheit k\u00e4mpft, der versucht, innere und \u00e4u\u00dfere Zw\u00e4nge zu \u00fcberwinden, die Handlungsfreiheiten einschr\u00e4nken. Niemand wird seine \u00bbFreiheit\u00ab ernsthaft in der Ursachenlosigkeit seines Willens erblicken, in dessen Losl\u00f6sung von \u00e4u\u00dferen Reizen und inneren, neuronalen Verarbeitungsmustern, also in jenen Fiktionen, die mit der Idee der Willensfreiheit notwendigerweise verbunden sind.\u201c <\/em>M. Schmidt-Salomon, 2012, S.122<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>27_<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>\u00bbDu kannst&nbsp;<em>tun<\/em>, was du&nbsp;<em>willst<\/em>: aber du kannst, in jedem gegebenen Augenblick deines Lebens, nur&nbsp;<em>ein<\/em>&nbsp;Bestimmtes&nbsp;<em>wollen<\/em>&nbsp;und schlechterdings nichts Anderes, als dieses Eine.\u00ab<sup>31<\/sup>&nbsp;Wenn diese Aussage richtig ist (und ich w\u00fcsste kein vern\u00fcnftiges Argument, das sie entkr\u00e4ften k\u00f6nnte!), so m\u00fcssen wir uns fragen, welche Konsequenzen aus diesem Sachverhalt zu ziehen sind.&nbsp;M. Schmidt-Salomon, 2012, S.120<\/li>\n\n\n\n<li>\u201cYou are not in control of your mind\u2014because you, as a conscious agent, are only&nbsp;<em>part<\/em>&nbsp;of your mind, living at&nbsp;the mercy of other parts.<sup>15<\/sup>&nbsp;You can do what you decide to do\u2014but you cannot decide what you will decide to do.\u201d S. Harris, 2012, S.60<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>28_<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>\u201eWir m\u00fcssen an dieser Stelle zwischen&nbsp;<em>Schuld<\/em>&#8211; und&nbsp;<em>Reue<\/em>gef\u00fchlen sowie zwischen einem&nbsp;<em>objektiven<\/em>, ethischen beziehungsweise juristischen und einem&nbsp;<em>subjektiven<\/em>, moralischen Schuldbegriff unterscheiden. Wenn X vors\u00e4tzlich einen Mord aus Habgier beging, so ist er&nbsp;<em>objektiv schuldig<\/em>&nbsp;beziehungsweise verantwortlich, da er gegen eine juristische Basisnorm verstie\u00df, die das friedliche Zusammenleben in einer Gesellschaft garantiert. Diese objektive Verantwortung bleibt unangetastet davon, dass X im moralischen Sinne nicht verantwortlich war, da er zum Zeitpunkt der Tat nichts anderes wollen konnte, als eben diesen Mord zu begehen. Wenn es in diesem Buch hei\u00dft, dass wir&nbsp;<em>unschuldig<\/em>&nbsp;sind, so ist dies ausschlie\u00dflich in jenem (a)moralischen Sinne gemeint:&nbsp;Moralische Schuld kann es nicht geben, da die hierf\u00fcr notwendigen Voraussetzungen von keinem Menschen erf\u00fcllt werden. In einem objektiven, ethischen oder juristischen Sinne existiert Schuld (oder besser: objektive Verantwortung!) jedoch sehr wohl!\u201c M. Schmidt-Salomon, 2012, S.215<\/li>\n\n\n\n<li>\u201eEine (naturalistische) ethische Argumentation hingegen kann auf solch problematische Annahmen verzichten, weil sie prinzipiell nur nach der&nbsp;<em>objektiven Verantwortbarkeit<\/em>&nbsp;potenzieller oder bereits realisierter Taten fragt, nicht nach der&nbsp;<em>subjektiven Verantwortung<\/em>&nbsp;(also der Willensfreiheit) der T\u00e4ter. Wir m\u00fcssen nicht unterstellen, dass Hitler, Stalin, Konstantin der Gro\u00dfe oder Papst Innozenz III. sich aus \u00bbfreien St\u00fccken\u00ab zu ihren Untaten entschlossen haben, um diese ethisch verurteilen zu k\u00f6nnen. Die&nbsp;<em>(a)moralische Entschuldigung<\/em>&nbsp;der T\u00e4ter (\u00bbHitler, Stalin &amp; Co. konnten sich unter den gegebenen Bedingungen nicht anders verhalten, als sie es taten\u00ab) l\u00e4uft also keineswegs auf eine&nbsp;<em>ethische Rechtfertigung<\/em>&nbsp;ihrer Taten heraus!\u201c M. Schmidt-Salomon, 2012, S.198-199<\/li>\n\n\n\n<li>\u201eWenn wir anerkennen, dass selbst die \u00fcbelsten Verbrecher der Geschichte in dem Sinne&nbsp;<em>unschuldig&nbsp;waren<\/em>, dass sie unter Voraussetzung der G\u00fcltigkeit der Naturgesetze&nbsp;<em>schlichtweg nicht anders handeln konnten, als sie gehandelt haben<\/em>, so hei\u00dft das nicht, dass wir ihre Taten in irgendeiner Weise&nbsp;<em>tolerieren<\/em>&nbsp;oder gar&nbsp;<em>guthei\u00dfen<\/em>&nbsp;m\u00fcssten.\u201c 2012, S.200<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>29_<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>\u201eDas Universum scheint weder gutartig noch feindlich zu sein, sondern lediglich gleichg\u00fcltig.\u201c Carl Sagan (aus dem Englischen \u00fcbersetzt:&nbsp; <a href=\"https:\/\/www.goodreads.com\/quotes\/66626-the-universe-seems-neither-benign-nor-hostile-merely-indifferent\">https:\/\/www.goodreads.com\/quotes\/66626-the-universe-seems-neither-benign-nor-hostile-merely-indifferent<\/a>) Zugriff am 30.06.2024<\/li>\n\n\n\n<li>\u00abWer sich die immer wieder stattfindenden globalen Katastrophen der Erdgeschichte vor Augen f\u00fchrt, begreift:&nbsp;<em>Die Natur ist nicht \u00bbgut\u00ab&nbsp;\u2013 und der Mensch nicht \u00bbb\u00f6se\u00ab.<\/em>\u00ab M. Schmidt-Salomon, 2024, S.326<\/li>\n\n\n\n<li>\u00bbZudem ist uns neben der r\u00e4umlichen auch die zeitliche Begrenzung unserer Spezies bewusst geworden: Wir wissen, dass die durchschnittliche Lebensdauer irdischer Arten bei etwa vier Millionen Jahren liegt und dass 99 Prozent aller Spezies, die jemals auf der Erde lebten, inzwischen ausgestorben sind (was ein weiterer Hinweis f\u00fcr die Absurdit\u00e4t der Rede von der \u00abBewahrung der Sch\u00f6pfung\u00bb ist).\u00bb M. Schmidt-Salomon, 2014, S.325<\/li>\n\n\n\n<li>\u00abGerechtigkeit ist ein Massstab, den wir ethisch denkenden Tiere intuitiv an die Natur anlegen, der in der biologischen Evolution aber keine Rolle spielt. Dass einige Arten aufsteigen, w\u00e4hrend andere vom Erdboden verschwinden, dass einige Lebewesen sich pr\u00e4chtig entwickeln, w\u00e4hrend andere ein kurzes, trostloses Dasein fristen, hat nichts mit Gerechtigkeit zu tun, es resultiert vielmehr aus den <em>blinden Mechanismen der Evolution<\/em>, die keinerlei Mitleid kennen, keine Gnade, keinen Heilsplan.\u00bb M. Schmidt-Salomon, 2014, S.29<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>30_<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>\u201eWer sich die immer wieder stattfindenden globalen Katastrophen der Erdgeschichte vor Augen f\u00fchrt, begreift: Die Natur ist nicht \u00bbgut\u00ab \u2013 und der Mensch nicht \u00bbb\u00f6se\u00ab. Solche moralisierenden Kategorien verbieten sich ohnehin, wenn man die Entwicklung der Erde sowie die Entwicklung der menschlichen Zivilisation \u00bbim Lichte der Evolution\u00ab (Huxley) betrachtet. Damit entfallen auch die moralischen Schuldvorw\u00fcrfe, die heute gegen\u00fcber fr\u00fcheren Generationen erhoben werden. Erinnern wir uns an den pr\u00e4gnanten Satz von Marx: \u00bbDie Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien St\u00fccken.\u00ab Tats\u00e4chlich hatten die Menschen der Vergangenheit unter den damals vorherrschenden sozio-\u00f6konomischen Bedingungen gar nicht die M\u00f6glichkeit, auf die Verbrennung fossiler Brennstoffe zu verzichten. Mehr noch: Nur aufgrund dieses (aus heutiger Sicht) klimasch\u00e4dlichen Verhaltens, konnten sich im Zuge der Ausdifferenzierung der Gesellschaften die modernen Wissenschaften entwickeln, mit deren Hilfe wir die Ursachen von Klimaver\u00e4nderungen \u00fcberhaupt erst nachvollziehen k\u00f6nnen. Etwas provokanter formuliert: Statt die vorangegangenen Generationen zu beschuldigen, sollten wir ihnen dankbar sein, dass sie uns (m\u00f6glicherweise) gerade noch im richtigen Moment in die Lage versetzt haben, geeignete Ma\u00dfnahmen zu ergreifen, um nicht nur menschengemachte, sondern auch von Menschen unabh\u00e4ngige Katastrophen (Supereruptionen, Kometeneinschl\u00e4ge, neue Kaltzeiten etc.) zu verhindern. Denn es sollte klar sein: \u00bbIm Lichte der Evolution\u00ab betrachtet bietet derzeit nur der Mensch eine halbwegs realistische Chance darauf, dass h\u00f6her entwickelte (bewusstseins- und empfindungsf\u00e4hige) Lebewesen dauerhaft auf diesem Planeten existieren werden. Der n\u00e4chste Asteroiden- oder Kometeneinschlag kommt bestimmt \u2013 und er k\u00f6nnte noch verheerendere Folgen haben als der Impact vor 66 Millionen Jahren, der das Ende der Dinosaurier einleitete.&#187; M. Schmidt-Salomon, 2024, S.326-327<\/li>\n\n\n\n<li>\u201eDie Biosph\u00e4re ist schlie\u00dflich ein d\u00fcsterer Ort. Sie ist voll von Pl\u00fcnderung, T\u00e4uschung, Eroberung, Versklavung, Verhungern und Vernichtung.\u201c D. Deutsch, 2021, S.413<\/li>\n\n\n\n<li>\u00ab<em>Wir sind nicht Teil einer gut gemeinten, gut gemachten \u00abSch\u00f6pfung\u00bb, die ohne den zerst\u00f6renden Zugriff des Menschen \u00abheil\u00bb w\u00e4re, sondern eines hochsensiblen, verletzlichen \u00d6kosystems, das ohne Einsatz menschlicher Technologie von vornherein dem Untergang geweiht ist.<\/em>\u00bb M. Schmidt-Salomon, 2014, S.312<\/li>\n\n\n\n<li>\u201eDiese <em>Ungerechtigkeit der Natur<\/em> ist eine der verst\u00f6rendsten Tatsachen, mit denen wir konfrontiert sind \u2013 zumal wir sie auch im kulturellen Rahmen bislang nicht wirklich aufheben k\u00f6nnen. Man denke nur an die Naturgewalten, denen wir immer wieder ausgeliefert sind: Allein im letzten Jahrzehnt starben Hunderttausende von Menschen, weil sie von Erdbeben begraben, von riesigen Flutwellen hinweggesp\u00fclt oder mit todbringenden Viren infiziert wurden. Dass es die einen traf, die anderen nicht, hatte keinen vern\u00fcnftigen Grund, keinen tieferen Sinn, sondern war allein Ausdruck des blinden Waltens von Zufall und Notwenigkeit \u2013 ein Walten, das v\u00f6llig gleichg\u00fcltig ist gegen\u00fcber unseren Hoffnungen, \u00c4ngsten und ethischen Empfindungen.&#187; M. Schmidt-Salomon, 2014, S.29-30<\/li>\n\n\n\n<li>\u201eHeute wird fast die gesamte Kapazit\u00e4t des \u203aLebenserhaltungssystems der Erde f\u00fcr den Menschen\u2039 nicht&nbsp;<em>f\u00fcr<\/em>&nbsp;uns, sondern&nbsp;<em>von<\/em>&nbsp;uns bereitgestellt, indem wir unsere F\u00e4higkeit zur Sch\u00f6pfung neuen Wissens nutzen. Es gibt heute Menschen im Gro\u00dfen Afrikanischen Grabenbruch, die dank ihres Wissens \u00fcber Werkzeuge, Landwirtschaft und Hygiene weitaus komfortabler und in deutlich gr\u00f6\u00dferer Zahl leben als die fr\u00fchzeitlichen Menschen. Die Erde hat zwar die Rohmaterialien f\u00fcr unser \u00dcberleben geliefert \u2013 so wie die Sonne die Energie und Supernovae die Elemente und so weiter geliefert haben \u2013, aber ein Haufen Rohmaterialien ist nicht dasselbe wie ein Lebenserhaltungssystem. Es erfordert Wissen, um das eine in das andere umzuwandeln, und die biologische Evolution hat uns nie genug Wissen zum \u00dcberleben, geschweige denn zum Gedeihen bereitgestellt. In dieser Hinsicht unterscheiden wir uns von fast allen anderen Arten, denn alles Wissen, das sie brauchen, ist genetisch in ihren Gehirnen verschl\u00fcsselt. Dieses Wissen wurde ihnen in der Tat von der Evolution bereitgestellt \u2013 und damit&nbsp;im relevanten Sinne \u203avon der Biosph\u00e4re\u2039.\u201c David Deutsch, S.78<\/li>\n\n\n\n<li>\u201eDie Biosph\u00e4re ist also nicht in der Lage, menschliches Leben zu erhalten. Von Anfang an war es lediglich menschliches Wissen, das den Planeten auch nur ann\u00e4hernd bewohnbar machte, und die seither enorm gestiegene Kapazit\u00e4t unseres Lebenserhaltungssystems (sowohl in Bezug auf unsere Zahl als auch auf unsere Sicherheit und Lebensqualit\u00e4t) ist ausschlie\u00dflich auf die Sch\u00f6pfung menschlichen Wissens zur\u00fcckzuf\u00fchren.&nbsp;In dem Ma\u00dfe, in dem wir uns auf einem \u203aRaumschiff\u2039 befinden, waren wir nie lediglich dessen Passagiere noch (wie oft gesagt wird) seine Steuerm\u00e4nner und noch nicht einmal sein Wartungspersonal: Wir sind seine Designer und Baumeister. Vor den von Menschenhand geschaffenen Designs war es kein Transportmittel, sondern nur ein Haufen gef\u00e4hrlicher Rohmaterialien. Die Metapher der \u203aPassagiere\u2039 ist auch in einem weiteren Sinne ein Irrglaube. Sie suggeriert, der Mensch habe zu einem fr\u00fcheren Zeitpunkt ohne Probleme gelebt: als er wie ein Passagier versorgt worden sei, ohne zum \u00dcberleben und Gedeihen selbst einen Fluss an Problemen l\u00f6sen zu m\u00fcssen. Tats\u00e4chlich aber standen unsere Vorfahren trotz ihres kulturellen Wissens immer wieder vor verheerenden Problemen, wie etwa der Frage, wo die n\u00e4chste Mahlzeit herkommen sollte, und in der Regel l\u00f6sten sie diese&nbsp;Probleme&nbsp;nur mit M\u00fche und Not, oder sie starben. Es gibt nur sehr wenige Fossilien von alten Menschen. Die moralische Komponente der Metapher vom&nbsp;Raumschiff Erde ist daher ein wenig paradox. Sie stellt den Menschen in einem Licht dar, in dem er undankbar f\u00fcr Gaben erscheint, die er in Wirklichkeit nie erhalten hat. Alle anderen Arten stellt sie dagegen in einem Licht dar, in dem sie eine moralisch positive Rolle im Lebenserhaltungssystem des Raumschiffs spielen und der Mensch der einzig schlechte Akteur ist. Doch der Mensch ist ein Teil der Biosph\u00e4re, und das angeblich unmoralische Verhalten ist identisch mit dem aller anderen Arten in guten Zeiten \u2013 mit der Ausnahme, dass nur der Mensch versucht, die Auswirkungen seines Verhaltens auf seine Nachkommen und auf andere Arten zu mindern. &#187; D. Deutsch, 2021, S.78-79<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>31_<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>\u00abBetrachten wir zur Verdeutlichung das Beispiel des Infantizids (Kindst\u00f6tung): Bei den Berggorillas fallen mehr als ein Drittel (!) des Nachwuchses bis zum Alter von 3 Jahren Kindst\u00f6tungen zum Opfer.<sup>155<\/sup> Grund: Durch den Infantizid steigen die Fortpflanzungschancen des t\u00f6tenden M\u00e4nnchens. Dieses f\u00fcr unsere Vorstellungen zutiefst unethische Verhalten findet sich nicht nur bei Gorillas, sondern auch bei solch unterschiedlichen Tierarten wie Dungk\u00e4fern, Fischen, Amphibien, M\u00e4usen, L\u00f6wen, Kamelen oder Pferden.<sup>156<\/sup> Und es sind nicht nur die ohnehin als aggressiv verschrienen M\u00e4nnchen, die sich \u00fcber Kindst\u00f6tungen Vorteile im evolution\u00e4ren Wettstreit um das genetische \u00dcberleben verschaffen: Weibliche Erdh\u00f6rnchen, Mungos, Dingos, Wildhunde oder Krallenaffen beseitigen auf \u00e4hnliche Weise \u00bbunliebsame Konkurrenz eigener Kinder um Nahrung, Ruhepl\u00e4tze und Fortpflanzungspartner\u00ab.<sup>157<\/sup>\u00bb M. Schmidt-Salomon, 2016, S.94-95<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>32_<\/p>\n\n\n\n<p>Wikipediaeintrag zu \u00abMensch\u00bb: Stand 25.06.2024 <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Mensch\">https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Mensch<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>33_<\/p>\n\n\n\n<p>95 Prozent ist eine sehr grobe Berechnung von mir. Wenn wir die ersten Menschen vor 300 000 Jahren datieren und ich gem\u00e4ss Wikipedia davon ausgehen, dass die Kupfersteinzeit (Start Verwendung von Metall) vor etwa 7500 Jahren begann, dann stehen uns ca. 2.5 Prozent unserer Zeit mehr als Steinwerkzeuge zur Verf\u00fcgung. Ich habe dann auf 95% gerundet \ud83d\ude09<\/p>\n\n\n\n<p>34_<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>\u00bbWie verh\u00e4ltnism\u00e4ssig langsam die kulturelle Evolution am Anfang voranschritt, l\u00e4sst sich daran ermessen, dass vom Beginn der Neolithischen Revolution (vor rund 11 000 Jahren) bis zur <em>Erfindung der Schrift<\/em> mehrere Jahrtausende vergingen. Erst vor rund 6000 Jahren tauchten komplexere Schriftsysteme auf vor 3500 Jahren (also etwa 1500 Jahre v. u. Z.) entstand das erste Alphabet \u2013 ein einschneidendes Ereignis in der menschlichen Kulturgeschichte, denn nun konnten Inhalte \u00fcber Raum und Zeit hinweg konserviert werden, unterlagen also nicht mehr dem \u00abStille-Post-Prinzip\u00bb der m\u00fcndlichen \u00dcberlieferung.\u00bb M. Schmidt-Salomon, 2014, S.66<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>35_<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>\u00abEin zu Recht immer wieder herausgehobenes Beispiel f\u00fcr den zweiten Fall ist die Erfindung des modernen Buchdrucks durch Johannes Gutenberg (um 1400-1468). Innerhalb weniger Jahrzehnte entstanden damals Druckereinen in ganz Europa. Die M\u00f6glichkeit, Texte schnell und kosteng\u00fcnstig zu verbreiten, l\u00f6ste eine regelrechte Bildungsrevolution aus.\u00bb M. Schmidt-Salomon, 2014, S.67<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>36_<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>\u201eWissenschaft ist ein weithin erfolgreicher Versuch, die Welt zu verstehen, die Dinge und uns selbst in den Griff zu bekommen, einen sicheren Kurs zu steuern.&nbsp;Heute liefern Mikrobiologie und Meteorologie eine Erkl\u00e4rung f\u00fcr das, was noch vor wenigen Jahrhunderten ausreichte, um Frauen zu verbrennen.\u201c <em>C. Sagan, 1997, S.47<\/em><\/li>\n\n\n\n<li>\u201eFortschritte in der Medizin und in der Landwirtschaft haben weitaus mehr Menschenleben gerettet, als s\u00e4mtliche Kriege in der Geschichte gefordert haben. \u201c<em>C. Sagan, 1997, S.29<\/em><\/li>\n\n\n\n<li>\u201eDie wissenschaftlichen Behandlungsmethoden sind hundert- oder tausendmal besser als die Alternativen. (Und selbst wenn die Alternativen zu funktionieren scheinen, wissen wir eigentlich nicht, ob sie irgendeine Rolle gespielt haben: Eine spontane Besserung, sogar bei Cholera und Schizophrenie, kann sich auch ohne Gebet und Psychoanalyse einstellen.) Die Wissenschaft aufgeben hei\u00dft viel mehr aufgeben als Klimaanlagen, CD-Spieler, Haartrockner und schnelle Autos.&nbsp;In den Zeiten vor der Ackerbaukultur, bei den J\u00e4gern und Sammlern, betrug die Lebenserwartung des Menschen etwa zwanzig bis drei\u00dfig Jahre.&nbsp;Das war auch in Westeuropa in sp\u00e4tr\u00f6mischer Zeit und im Mittelalter nicht anders. Erst um 1870 stieg sie auf vierzig Jahre an. 1915 betrug sie f\u00fcnfzig, 1930 sechzig, 1955 siebzig Jahre, heute liegt sie bei rund achtzig Jahren (etwas mehr bei Frauen, etwas weniger bei M\u00e4nnern).&nbsp;Die \u00fcbrige Welt folgt dem Beispiel Europas. Was hat diese erstaunliche, beispiellose humanit\u00e4re Entwicklung bewirkt? Die Theorie der bakteriellen Entstehung von Krankheiten, die \u00f6ffentliche Gesundheitsf\u00fcrsorge, die Arzneimittelherstellung und die Medizintechnik. Langlebigkeit ist vielleicht das beste Ma\u00df f\u00fcr die k\u00f6rperliche Lebensqualit\u00e4t. (Wenn Sie tot sind, k\u00f6nnen Sie nichts mehr tun, um gl\u00fccklich zu sein.) Dies ist ein kostbares Angebot der Wissenschaft an die Menschheit: nichts Geringeres als das Geschenk des Lebens.\u201c <em>C. Sagan, 1997, S.26-27<\/em><\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>37_<\/p>\n\n\n\n<p>Die Allgemeine Erkl\u00e4rung der Menschenrechte ist wahrscheinlich die bisher gr\u00f6sste Errungenschaft der Menschheit und es ist unsere grosse Aufgabe dabei mitzuhelfen, dass JEDEM Menschen diese Rechte zukommen. Zus\u00e4tzlich m\u00fcssen wir auch daf\u00fcr sorgen, dass wir unseren nahen und fernen Verwandten, den anderen Tieren, die ihren Bed\u00fcrfnissen entsprechenden Rechte zukommen lassen. Wir Menschen haben nicht nur die F\u00e4higkeit f\u00fcr unsere eigene Art, sondern auf f\u00fcr andere Arten zu denken und zu f\u00fchlen, was mich hoffen l\u00e4sst. Auf beiden Gebieten haben wir leider noch sehr viel Verbesserungspotenzial.<\/p>\n\n\n\n<p>Allgemeine Erkl\u00e4rung der Menschenrechte: <a href=\"https:\/\/www.un.org\/depts\/german\/menschenrechte\/aemr.pdf\">https:\/\/www.un.org\/depts\/german\/menschenrechte\/aemr.pdf<\/a> Zugriff am 27.06.2024<\/p>\n\n\n\n<p>38_<\/p>\n\n\n\n<p>Ich empfehle zu diesem Thema sehr das Buch \u00abDie Grenzen der Toleranz\u00bb von Michael Schmidt-Salomon. Hier seine Definition einer offenen Gesellschaft und anschliessend noch ein Zitat, welches wundersch\u00f6n die Gemeinsamkeiten von Wissenschaft und Demokratie verdeutlicht:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><em>\u00ab<strong>Definition \u00bboffene Gesellschaft\u00ab <\/strong><\/em>Der Begriff \u00bboffene Gesellschaft\u00ab kennzeichnet Gemeinschaften, die nicht nur funktionst\u00fcchtige Institutionen zur Absicherung der \u00bbfreiheitlich-demokratischen Grundordnung\u00ab entwickelt haben (Gewaltenteilung, Rechtsbindung, freie Wahlen, freie Meinungsbildung), sondern zudem auch noch in besonderem Ma\u00dfe durch die Prinzipien des Liberalismus, Egalitarismus, Individualismus und S\u00e4kularismus gepr\u00e4gt sind. Dies hei\u00dft umgekehrt: Je st\u00e4rker Gemeinschaften von Paternalismus (staatlicher Bevormundung), Elitarismus (sozialer Ungleichheit), Kollektivismus (Betonung von Gruppenidentit\u00e4ten) und Fundamentalismus (religi\u00f6ser&nbsp;Normbegr\u00fcndung) bestimmt sind, desto eher handelt es sich um \u00bbgeschlossene Gesellschaften\u00ab. M. Schmidt-Salomon, 2016, S.122<\/li>\n\n\n\n<li>\u201eDie Werte der Wissenschaft und die Werte der Demokratie gleichen sich und k\u00f6nnen in vielen F\u00e4llen nicht unterschieden werden. Wissenschaft und Demokratie entstanden \u2013 in ihren zivilisierten Erscheinungsformen \u2013 zur selben Zeit und am selben Ort: im Griechenland des 7. und 6. Jahrhunderts v. Chr. Wissenschaft verleiht jedem Macht, der sich M\u00fche gibt, sie zu erlernen (allerdings sind zu viele Menschen systematisch daran gehindert worden). Wissenschaft gedeiht durch den freien Austausch von Ideen, ja, sie setzt ihn geradezu voraus \u2013 ihre Werte zielen auf das Gegenteil von Geheimhaltung ab. Wissenschaft ist an keine speziellen Ausgangspunkte oder privilegierten Positionen gebunden. Wissenschaft wie Demokratie f\u00f6rdern unkonventionelle Meinungen und den leidenschaftlichen Diskurs. Beide bestehen auf einem angemessen vern\u00fcnftigen Denken, schl\u00fcssigen Argumentationsweisen, rigorosen Ma\u00dfst\u00e4ben der Beweisf\u00fchrung und der Aufrichtigkeit. Wissenschaft stellt eine M\u00f6glichkeit dar, jene auf die Probe zu stellen, die Wissen nur vorspiegeln.&nbsp;Sie ist ein Bollwerk gegen Mystizismus, gegen Aberglauben, gegen die Religion, wenn sie sich dort einmischt, wo sie nichts verloren hat. Wenn wir uns an ihre Werte halten, kann sie uns sagen, wann wir belogen werden. Sie korrigiert uns, wenn wir Fehler begehen. Je weiter verbreitet ihre Sprache, Regeln und Methoden sind, desto gr\u00f6\u00dfer ist unsere Chance, das zu bewahren, was Thomas Jefferson und den anderen V\u00e4tern der amerikanischen Verfassung vorschwebte.\u201c <em>C. Sagan, 1997, S.63-64<\/em><\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>39_<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>\u201eDass&nbsp;<em>Fortschritt<\/em>&nbsp;sowohl m\u00f6glich als auch w\u00fcnschenswert ist, stellt vielleicht den Kerngedanken der Aufkl\u00e4rung dar. Er treibt alle kritischen Traditionen wie auch das Prinzip der Suche nach guten Erkl\u00e4rungen an. Jedoch kann er auf zwei fast entgegengesetzte Weisen interpretiert werden, die beide irritierenderweise als&nbsp;\u203aVervollkommnungsf\u00e4higkeit\u2039 bezeichnet werden. Laut der einen k\u00f6nnen Menschen oder menschliche Gemeinschaften einen Zustand vermeintlicher Vollkommenheit erreichen \u2013 wie das buddhistische oder hinduistische \u203aNirwana\u2039 oder auch verschiedene politische Utopien. Laut der anderen kann jeder erreichbare Zustand beliebig verbessert werden. Der Fallibilismus schlie\u00dft die erste Position zugunsten der zweiten aus. Weder das menschliche Dasein im Einzelnen noch unser erkl\u00e4rendes Wissen im Allgemeinen werden jemals vollkommen oder auch nur ann\u00e4hernd vollkommen sein. Wir werden immer am&nbsp;<em>Anfang<\/em>&nbsp;der Unendlichkeit stehen.\u201c D. Deutsch, 2021, S.94<\/li>\n\n\n\n<li>\u201eAber&nbsp;die Geschichte der Wissenschaften lehrt, da\u00df wir uns bestenfalls eine sukzessive Verbesserung unseres Wissensstandes erhoffen k\u00f6nnen, indem wir aus unseren Fehlern lernen \u2013 eine asymptotische Ann\u00e4herung an das Universum unter dem Vorbehalt, da\u00df uns absolute Gewi\u00dfheit immer versagt bleiben wird.&nbsp;&nbsp;Wir werden stets fehlbar sein. Jede Generation kann bestenfalls hoffen, die Fehlermarken ein wenig zu verkleinern und den Datenbestand zu erweitern, auf den sich Fehlermarken beziehen.\u201c <em>C. Sagan, 1997, S.50<\/em><\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>40_<\/p>\n\n\n\n<p>Im folgenden Zitat zeigt Michael Schmidt-Salomon wundervoll auf, was meines Erachtens relativistisches Denken leider oft \u00fcbersieht:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>\u201eSosehr uns die kulturellen Memplexe auch voneinander trennen m\u00f6gen, es ist die <em>menschliche Natur<\/em>, die uns miteinander verbindet. Wir alle brauchen saubere Luft zum Atmen, brauchen Nahrung, um unseren Stoffwechsel aufrechtzuerhalten. Wir alle empfinden Schmerz, wenn man uns verletzt, und Freude, wenn wir uns einen lang gehegten Wunsch erf\u00fcllen k\u00f6nnen. Wir alle lachen, weinen, lieben, hoffen, trauern. Kurzum: <em>Wir alle kennen Wohl und Wehe<\/em>. Und genau dies ist der Grund, warum der Relativismus im konkreten Lebensvollzug scheitert.: Es ist eben nicht beliebig, welche Werte und Normen das Zusammenleben der Menschen bestimmen! Der Feyerabendschen Maxime \u00ab<em>Anything goes!<\/em>\u00bb k\u00f6nnten Computerprogramme folgen, nicht aber Menschen aus Fleisch und Blut. Da es uns als Wohl und Wehe empfindende Wesen nicht <em>gleichg\u00fcltig<\/em> ist, was mit uns und allen anderen, um die wir uns sorgen geschieht, k\u00f6nnen uns unterschiedliche Normsetzungen auch nicht als <em>gleich g\u00fcltig<\/em> erscheinen\u201c M. Schmidt-Salomon, 2012, S.191<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>41_<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>\u201eWenn ich vom Paradigma der Unschuld ausgehe und wei\u00df, dass ich nichts daf\u00fcr kann, dass ich diesem oder jenem Irrtum aufsitze, so kann ich eine Diskussion weit gelassener angehen. Ich habe schlie\u00dflich&nbsp;<em>nicht mehr zu verlieren als meine Denkfehler<\/em>, von denen ich mich besser heute als morgen verabschiede. Wenn ich gelernt habe, mich selbst nicht mehr so schrecklich wichtig zu nehmen, so kann ich Argumenten, die mich infrage stellen, vorurteilsfreier begegnen. Ich werde ein Gespr\u00e4ch unter dieser Voraussetzung auch nicht mehr als Gelegenheit begreifen, den anderen mit festgezurrten \u00dcberzeugungen zu indoktrinieren, sondern darauf hinarbeiten, mit ihm gemeinsam bessere L\u00f6sungen zu entwickeln, die \u00fcber das hinausgehen, was sowohl er als auch ich zuvor als richtig erachteten.\u201c M. Schmidt-Salomon, 2012, S.265<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr eine Aufkl\u00e4rung ohne ungerechtfertigte Schuldzuschreibungen Aufkl\u00e4rung ist der Ausgang des Menschen aus seiner unverschuldeten Unwissenheit und des daraus resultierenden Leides. Unwissenheit ist der Naturzustand des Menschen. Unverschuldet ist dieser, weil jeder Mensch unwissend und ohne freien Willen in eine nicht von sich aus wohlwollende Welt geboren wird. 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